Groningen & die letzten Kanalkilometer

Nach einer kurzen Recherche geht es von Bord und über die geschlossene Brücke auf die andere Kanalseite. Ich weiß noch nicht genau wie weit ich heute Abend komme und wie viel Zeit mir morgen in Delfzijl bleibt. So möchte ich nun noch einmal einige Niederländische Köstlichkeiten einkaufen. Ganz oben auf der Liste: Vla und Spekulatiuscreme. Lecker.

Zurück an Bord setze ich meine Internetrecherche fort. Denn während man Vla und Spekulatiuscreme wunderbar im Supermarkt kaufen kann, für wirklich leckeren Käse mag ich in ein Kaaswinkel, ein Käsefachgeschäft gehen. Natürlich, wie nicht anders bei einem Ort dieser Größe in den Niederlanden zu erwarten, gibt es eines. Doch es ist am anderen Ende der Innenstadt und die Zeit läuft. Nur noch knapp eine Stunde bleibt mir bis es weiter geht. Und der Weg? Der ist als einfache Strecke bei einem flotten Tempo mit fünfundzwanzig Minuten kalkuliert.

Schnell schnappe ich mir eine Tasche sowie meine Kamera, dann geht es los. Der Weg in Richtung der Innenstadt führt mich vorbei an einer ganzen Reihe sichtlich bewohnter Schiffe. Bin ich in Deutschland mit meinem Wohnsitz auf einem Boot ehr ein Exot so ist dies hier nichts übermäßig ungewöhnliches. Eine schöne Kultur wie ich finde. Doch ich habe nicht viel Zeit, muss weiter und betrete schon bald über ein weiteres Brückchen durch das ich sicher später muss die Innenstadt.

Groningen ist nicht zu Unrecht als Schönheit bekannt. Egal ob auf dem Landweg oder übers Wasser: Hier sollte man mal hin. Während ich flotten Schrittes zwischen den Historischen Fassaden der Altstadt vorwärts eile muss ich achten nicht wie ein Idiot mit offenem Munde zu starren. Es ist einfach so wunderschön hier, richtiggehend Beeindruckend. Wie gut das die Brücke Cafépause macht. Andernfalls wäre ich hier wohl einfach nur hindurch gefahren und hätte die Stadt nicht betreten. Eine wahre Schande wäre es gewesen. Kurz durchzuckt es mich. Wie viele traumhafte Orte ich wohl in meiner Hast sträflich vernachlässigt, ja gar komplett ignoriert und übersehen habe? Wie viele Perlen die Aufmerksamkeit verdient hätten habe ich wohl beiseite geschoben auf der Jagd nach der Ferne?

Und doch, jetzt bin ich hier. Weiß das es wunderschön ist. Und haste doch weiter. Denn ich will und muss morgen in Delfzil durch die Schleuse. Und das rechtzeitig um mit dem Ablaufenden Wasser die Ems hinter mich zu bringen. Denn meine Urlaubstage fliegen förmlich an mir vorbei. Noch habe ich genug Zeit, muss mir keine großen Sorgen machen rechtzeitig zurück zum Heimathafen zu gelangen. Die Prognosen des Windes passen zudem recht gut zu meinen Plänen. Und trotzdem: Ein ordentlicher Ostwind oder aber ein Sturm sind noch immer möglich, könnten meinen vorhandenen Puffer aufbrauchen. Solange ich nicht wieder näher an Cuxhaven bin mag ich nicht übermäßig verweilen, der kleinste Restzweifel würde den Genuss des Hierseins vernichten.

So erfreue ich mich schlicht des traumhaften Anblickes solange ich ihn habe.

Trotz der alten Bauwerke wirkt Groningen jung. Überall sieht man Menschen – und die meisten von ihnen sind jung. Kein Wunder, denn Groningen ist eine riesige Studentenstadt, ein Viertel aller Menschen die hier wohnen studieren. Ein unglaublich hoher Anteil – und doch, in den Straßen ist es gut zu erkennen.

Schließlich erreiche ich das Käsefachgeschäft. Brockel haben sie hier leider nicht und so kaufe ich einen anderen, ebenfalls dem Gaumen gefallenden Käse. Zwar nicht ganz so lecker – aber immernoch besser als was ich aus Deutschland kenne.

Auf dem Hinweg war ich etwas schneller als erwartet und so bleibe ich auf dem Rückweg zwei, drei Mal stehen. Mache Fotos, genieße den Anblick. Aber auch jetzt sind es nur ein paar Sekunden, höchstens mal eine Minute hier und da.

Schließlich verlasse ich die Altstadt, schreite vorbei an den Wohnschiffen und finde mich auf Bea Orca wieder. Und das gar 10 Minuten vor der nächsten Brückenöffnung. Nun habe ich noch Zeit für ein kurzes Essen und um nach Luft zu schnappen bevor es schließlich weiter geht.

Gemeinsam mit den drei modernen Segelyachten geht es durch die Altstadt von Groningen. Was ich soeben von Land sah kann ich nun von Wasserseite bewundern – eine großartige Kulisse die mich sogar solange ich sie genieße den Wunsch nach den Weiten der See vergessen lässt. An Land wie auf dem Wasser sind zahlreiche Menschen unterwegs. Kleine Motorboote fahren ungehindert von den Brücken über die Kanäle, Kanuten gehen hier ihrem Sport nach. Hie und da entdeckt man Angler die hier, mitten in der Stadt, gemütlich ihre Route ausgeworfen haben.

Schließlich, am anderen Ende der Altstadt verlasse ich den Konvoi. Während die anderen Segelyachten hier im Hafen fest machen geht es für mich weiter nach Osten, dem graden Kanal folgend. Waren die Kanäle bis hierher häufig leer und bestenfalls von Sportbooten genutzt dominieren nun Berufsschiffe das Bild. Und doch, auch der Emskanal hat seine Reize.

Vor der nächsten Brücke muss ich eine viertel Stunde warten. Glücklicherweiße kann ich dafür fest machen so das mir das Nervtötende Kreisen erspart bleibt.

Während ich meine Fahr gehen Delfzil fortsetze erwäge ich meine Optionen. Die Brücken scheinen hier durchgehend zu öffnen. So könnte ich tatsächlich heute Nacht noch die Tide nutzen um wieder nach Deutschland zu kommen. Zeitlich und auch Wettermäßig würde es passen. Doch der Gedanke ich schnell verworfen. Einerseits bin ich schon lange auf dem Kanal und habe auf der Ems, anders als hier auf dem Kanal, nicht alle Naselang die Möglichkeit die Fahrt für den Tag zu beenden. Dann wäre da die Dunkelheit der Nacht. Will ich wirklich im Dunkeln durch ein fremdes Wattfahrwasser? Oder aber alternativ einen wirklich langen Schlag machen – die Ems komplett raus, außenherum an Borkum vorbei und dann die Osterems rein? Nein, das wäre nun wirklich zu lang. Und so eine Eile habe ich ja nun wahrlich nicht. Zudem: Nutze ich morgen bei Tage die passende Tide, so kann ich morgen früh noch einmal ganz gemütlich einen Blick auf Delfzijl werden. Und einkaufen. Vielleicht ja sogar Brockel (wer es noch nicht bemerkt hat: Ich liebe diesen Käse).

Kurz bevor ich Delfzil erreiche geht die Sonne unter. Ich bin schon lange unterwegs und müde. Selbst wenn es sonst keine Gründe geben würde: Es wird Zeit sich einen Ort für die Nacht zu suchen und sich in die Koje zu verkrümmeln. Und so nehme ich die Kanalabzweigung in Richtung des Stadthafens.

Doch dann versperrt mir eine Brücke den Weg. Vor morgen früh komme ich hier nicht weiter.

Schulterzuckend mache ich am Kanalrand fest. Was solls. Ich will eh nur irgendwo fest machen um zu schlafen. Da soll mir das hier nur recht sein.

Nach einem kurzen Abendsnack gleite ich in meine Koje und schließe die Augen. Vor mir liegt meine für diesen Törn letzte Nacht in den Niederlanden. Hier her zu kommen war nicht geplant. Und doch: Ich bin so unglaublich froh es getan zu haben.

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Sebastian

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