Delfzijl

Es ist halb Acht als ich schließlich aufstehe. Mit einem kleinen Frühstück und dem Fernglas begebe ich mich nach draußen. Während ich genüsslich frühstücke versuche ich die Brückenöffnungszeiten der vor mir liegenden Brücke zum Stadthafen zu lesen. Dies ist aufgrund der Entfernung nicht ganz einfach – hierfür auch das Fernglas. Schließlich ist klar: Vor Acht Uhr komme ich da nicht durch. Aber, so beginne ich mich zu fragen: Wofür soll ich eigentlich noch durch?

Gestern Abend hätte es natürlich Sinn gemacht. Immerhin wollte ich die Nacht dort verbringen. Aber nun ist die Nacht vorbei, ich habe vor der Brücke geschlafen. Was also soll ich dort? Rein zum Warten gäbe es auch einen Hafen draußen, vor der Schleuse. Dort hätte ich auch das Schleusen gleich hinter mir.

Und so beschließe ich spontan abzulegen. Und das bevor die Brücke wieder in Betrieb genommen wird. Nicht das der Brückenwärter auf die Idee kommt eben diese für mich zu öffnen – nicht, nachdem ich beschlossen habe nicht hindurch zu fahren.

Der Diesel fängt gutmütig an zu brummen, die Leinen werden gelöst und schon geht es den Kanal über den ich hier her gekommen bin zurück. Jedenfalls das Stück bis zum Emskanal. Wir kommen vorbei an großen Industrieanlagen die bereits von Weitem das Bild der Stadt prägen. Delfzijl ist ganz klar ein Industriestandort. Dies ist mir nicht neu, als ich mich 2015 an die Küste beworben habe hatte ich auch hier nach Stellenangeboten im Internet gesucht. Doch nun da ich mit meinem Boot hier hindurch fahre ist dies mehr als deutlich. Eine große Industrieanlage grenzt an die Nächste. Trotzdem macht es Spaß hier unterwegs zu sein. Dies sind meine letzten Minuten für unbestimmte Zeit auf einem Kanal, soviel ist mir klar. Das will ich genießen. Und so läuft der Diesel er ruhig, hohe Touren spare ich mir. Auch so geht es mit etwa 3 Konten durchs Wasser was uns recht zügig in Richtung der Schleuse bringt.

Das Wetter ist an diesem Morgen nicht unbedingt eine Freude. Obgleich der Wind einen schönen Segeltag verheißt, die nasse Luft macht klar das dies kein T-Shirt-Tag wird. Immer wieder tröpfeln kurze Nieselschauer hinab, sorgen mehr für eine hohe Luftfeuchtigkeit als alles andere.

Schließlich erreiche ich die Schleuse. Anders als noch in Harlingen und am Lauwersmeer bin ich ruhig und entspannt. Wird schon klappen. Als einziges Boot ist Bea Orca in der alten Schleusenkammer. Die Leinen liegen lose über Poller als es doch etwa einen Höhenunterschied von einem Meter zu überwinden gilt. Doch dann geht es schon weiter. Einen kurzen Schlängel durch den Vorhafen später liegt Bea Orca im Buitenhaven. Der Hafenmeister ist gerade da, lehnt aber mein Angebot Hafengeld zu bezahlen ab. Ich könne hier ruhig liegen bis die Tide für mich passt und auch die sanitären Anlagen benutzen. Solange ich nicht über Nacht bliebe wäre das alles kein Problem. Willkommen und viel Spaß in Delfzijl.

Doch zunächst beendete ich mein Frühstück das ich vor immerhin bereits achtzig Minuten begonnen habe. Erst dann geht es für mich in die Stadt. Delfzijl, wie wirst du wohl sein? Eine hässliche Industrieburg? Oder doch ein liebliches Städtchen das sich nur hinter einigen modernen Industrieanlagen versteckt?

Die Stadt selbst hat nicht viel von dem sonst so häufigen Charme alter, niederländischer Hafenstädte und Dörfer. Einfache Bauten aus rotem Backstein prägen das Stadtbild. Und doch, mein Herz schlägt höher. Denn recht bald wird, über den Dächern der Häuser, die großen Räder einer Windmühle sichtbar.

Doch bereits bevor ich sie erreichen kann verharre ich. Da! Ein Käsegeschäft! Nichts wie hin!

Und tatsächlich sollte ich Glück haben. Denn hier, im letzten Ort bevor ich wieder in Deutschland bin, kurz bevor ich die Niederlande verlasse, gibt es tatsächlich meinen Lieblingskäse. Brockel. Und so hole ich mir zum letzten Mal für diese ein Stück des Käse. Die Wertvolle Fracht gut eingepackt geht es endlich zur Mühle. Ein wenig seltsam wirkt es schon, diese alte Mühle inmitten der sonst vergleichsweise „modernen“ Stadt zu sehen. Und doch, es hat etwas, gibt dem ganzen einen gewissen Charme. Und mir, der ich sowieso ein großer Fan von Windmühlen bin, gefällt sie sowieso. Ich mache einige Fotos, dann genieße ich noch etwas den Anblick. Es wird, dessen bin ich mir bewusst, mit recht hoher Wahrscheinlichkeit die letzte Windmühle dieser Reise. Und eine schöne ist es sowieso.

Schließlich geht es zurück zum Hafen und an Bord von Bea Orca. Die letzten Meter meines nur etwa dreißig Minuten Ausfluges in die Stadt habe ich bereits im Regen verbracht, wieder einmal hat es angefangen zu regnen. Doch es ist wie es ist. Solange nicht plötzlich der Wetterbericht mir Starkwind, Gewitter oder andere harte Gründe zum Verharren liefert geht es alsbald wieder raus auf See und nach Deutschland. Und, ich kann es nicht verleugnen: Ich freue mich drauf wieder die Segel zu setzen, zu beobachten wie Bea Orcas Bug durchs Wasser schneidet, der Diesel verstummt und sich der weite, blaue Horizont vor mir öffnet. Okay, heute geht es die Ems und wahrscheinlich die Osterems hinaus. Ob es da einen blauen Horizont gibt? Aber egal, was zählt ist das Gefühl.

Die Zeit bis zum Ablegen vertreibe ich mir im großen und Ganzen mit Lesen. Dann geht es noch mal kurz aufs Klo bevor der Diesel wieder angeworfen und die Leinen gelöst werden. Raus, raus mit dir Bea Orca. Raus aus dem Hafen, gen salziges Wasser und eine gute Briese. Raus ins Wattenmeer, zwischen Sandbänke und liebliche Fahrwasser, hinein in dieses Naturparadies.

Zuverlässig schiebt der Dieselmotor Bea Orca durch den langen Vorhafen. Noch ahnte ich nicht was heute auf See auf mich warten würde.

Ob ich ausgelaufen wäre hätte ich es gewusst?

Verdammt noch mal: Nein!

Warum? Das erfahrt ihr in den nächsten Beiträgen.

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Sebastian

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