Bei Sturm zwischen den Sandbänken

Der kräftige Wind peitscht Bea Orca vorwärts. Immer wieder schießt sie in Wellen, Gischt spritzt über das Deck. Hinzu kommt der Wind. Richtungsbedingt pustet er Regen in den Salon. Doch das meiste kann ich recht gut mit meinem Körper abhalten. Das Großsegel ist glücklicherweiße unten, der Baum in der Mitte festgeknallt. So kann ich gut im Cockpit festgepiekt stehen. Dies erlaubt mir einerseits einen guten Überblick über die Situation zu behalten, Wellenbilder voraus zu erkennen. Nicht nur das ich so besonders eklige Wellen gut ansteuern kann, man erkennt anhand der Brecher auch recht deutlich so sich die Sandbänke befinden. Nicht das dies übermäßig beruhigend wäre – immerhin sind sie verdammt nah, nur wenige Bootslängen entfernt.

Ein weiterer, wenn auch bei weitem nicht so wichtiger Effekt ist das so nur wenig Wasser vom Winde ins Boot gepustet wird.

Während wir vorwärts rasen klart es bereits am Horizont auf. Sonne. Was für ein Segen. Zumindest wird der Regen bald aufhören. Reicht ja auch wenn man eine Salzwasserdusche bekommt. Mehr noch aber besteht damit die realistische Chance auf sich beruhigenden Wind. Obgleich ich mich sicher fühle, Bea Orca hält gut ihren Kurs, reagiert raumhaft auf den Wind und lässt sich sicher durch die Sandbänke steuern. Doch hätte ich nichts gegen beschaulichere Bedingungen.

Nach nur etwa zehn Minuten regen schlagen die letzten Regentropfen auf Bea Orca und mir auf. Zügig näher kommend kann man die Sonnenstrahlen funkelnd auf den Wellen erkennen. Schon erreichen sie die Bug, schieben sich vorwärts und erwärmen Haut und Gemüt gleichermaßen. Nun nur noch der Wind…

Doch so einfach wollte es mir Rasmus an diesem Tage nicht machen. Peitschend knallt eine Böe in Bea Orcas Genua, lässt sie über eine Welle springen und sich stark zur Seite krängen.

Eine Böe – zumindest dachte ich dies. Doch so einfach sollte es nicht sein. Mit der Sonne legte der Wind noch eine Stufe zu – und drehte auf Nordwest. Beim aktuellen Kurs bedeutet dies Segeln hoch am Wind. An Starkwind. Im Watt, umgeben von Sandbänken. Schon lässt der Wind auch die schon fürs Watt deutlich erhöhten Wellen steiler und steiler werden. Ich knalle die Genua dicht. Noch steht sie voll. Wir segeln mit fünfzehn bis zwanzig Grad Lage. Mit dem Groß zusammen wäre es zu viel Tuch, doch die Genua alleine passt eigentlich recht gut. Noch.

Denn als die erste tatsächliche Böe mit der neuen Windrichtung reinhaut werfe ich sofort die Vorschot, lasse das Segel killen. Nord- bis Nordnordwest. Direkt auf die Schnauze. Hier, umgeben von flachen Sandbänken werde ich bei dem Wasserstand und diesem Winde sicherlich nicht kreuzen. Zügig ziehe ich an der Reffleine, berge das verbleibende Segel. Ab sofort wird gedieselt. Dies sorgt zwar dafür das Bea Orca bedeutend schlechter in der Welle liegt, ohne die dämpfende Wirkung des Segels beginnt sie zu bocken, dafür aber kann ich mich sicher von den Untiefen freihalten.

Schließlich, der Wind ist nicht schwächer geworden, wird zumindest das Fahrwasser breiter. Wir kommen laut Tablet noch mit vier bis fünf Knoten vorwärts. Dies ist aber zum guten Teil sicherlich der Tide geschuldet – man sieht und spürt förmlich wie der Wind Bea Orcas Fahrt durchs Wasser ausbremst.

Im breiteren Fahrwasser traue ich mich einmal unter Deck zu greifen – wenn auch ohne das Cockpit zu verlassen. Hier liegt ein Windmessgerät. Den Deckel abgenommen halte ich es in die Höhe. Und lese erschrocken ab. Das sind über sechzig Kilometer pro Stunde. Windstärke Acht. Langsam kann man von Sturm reden. Oder, wie die Einheimischen Sagen: Büschen Wind.

Abgesehen von einem Behördenschiff das vor Anker liegt bin ich alleine. Kein anderes Boot ist auf dem Wasser. Bei dem Wind verständlich. Doch dürfte es fast ehr meiner Route geschuldet sein, waren doch auf der Ems mit mir deutlich mehr Segelboote unterwegs. Es war, weder bei windfinder noch bei Wetteronline oder beim BSH so ein Wind gemeldet. Nein, der Wetterbericht war klar: Drei bis Vier Windstärken aus Westen. Möglicherweiße ein lokales Windphänomen? Die Trichterwirkung der Emsmündung?

Wie auch immer. Ich bin positiv überrascht wie sicher ich hier hindurch komme. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich bei einem Wind stärker als sechs Beaufort auf dem Wasser. Und das gleich alleine. Trotzdem spüre ich das ich die Situation unter Kontrolle habe, zu jedem Zeitpunkt hatte. Bea  Orca verhält sich ausgezeichnet in der Welle. Käme der Wind etwas weniger aus Norden, ich würde gar noch segeln.

Schließlich, etwa eine Stunde von meinem angepeilten Ankerplatz entfernt lässt der Wind nach, dreht wieder auf West. Doch nicht für lange, schon bald ist von den Acht Windstärken nur noch zwei, ja außerhalb von Böen sogar nur eine Windstärke übrig. Fassungslos blicke ich, kaum bin ich um eine Sandbank herum und mit Kurs Ost unterwegs, auf ein fast schon spiegelglattes Wattenmeer. Ein schallendes Lachen dringt aus meiner Kehle.

Rasmus du alter Junge! Du bist dir aber auch für keinen Streich zu schade!

Nun gut. Der Diesel schnurrt ja sowieso schon. Und so geht südlich von Juist weiter.

Das Wattenmeer zeigt sich von seiner schönsten Seite. Es ist bald Niedrigwasser, die Sandbänke liegen hoch und trocken. Was für ein fantastischer Anblick. Zugegeben, das ich nun plötzlich gegen die Tide diesel nervt etwas, ich möchte ankommen, so viel Spaß macht mir das Motoren jetzt doch nicht.

Schließlich erreichen wir bei strahlend blauem Himmel und blecherner Flaute den Ankerplatz. Ich fahre bis nur noch etwa fünfzig Zentimeter Wasser unter unseren Kielen sind. Es ist bald Niedrigwasser, viel mehr als vielleicht zehn Zentimeter Wasser wird nicht mehr ablaufen.

Vorsichtig lasse ich den Anker hinab und halte ihn dann fest. Schnell scheint er zu halten und ich gebe mehr und mehr Leine. Bis schließlich 40 Meter Bleileine raus sind. Dann aktiviere ich den Ankeralarm, nehme Peilung. Noch einen Blick zur Sicherheit auf das Tablet zum Ankeralarm…

Was zum…?! Wir sind bereits fünfzig Meter abgetrieben. Das kann doch nicht sein! Erneut Peile ich, will ein technisches Problem ausschließen. Peilung hat sich verändert. Wir treiben ab, sind auf Slip.

Aber was heißt hier Slip. Der Ankeralarm geht los, ich kann förmlich zusehen wie die Meterzahl steigt. Bea Orca treibt ab als gäbe es keinen Anker!

Ich eile aufs Vorschiff, mache mich dran den Anker komplett einzuholen. Dann wieder raus, neu einfahren. Dieses Mal nochmal nachfahren mit Motor. Neuer Ankeralarm, erneut Peilung.

Und: Das gleiche Ergebnis. Bea Orca treibt ab. Und das mit etwa einem Meter pro Sekunde. Dabei ist Flaute und ich habe einen überdimensionierten Anker!

Ich will erneut den Anker einholen als plötzlich Bea Orca still steht. Das Echolot piept. Ein Blick nach Achtern zeigt eine trocken liegende Sandbank. Wir sind aufgelaufen. Gestrandet. Mal wieder.

Scheiße.

 

Kaum hatte ich meine erste Erfahrung mit Starkwind bis Sturm hinter mir bin ich also gestrandet – bei Flaute. Nun bin ich vielleicht kein alter Seebär, ich habe aber doch auch zuvor schon geankert. Warum es mir nun bei Flaute und ruhiger See im Wattenmeer nicht gelingen wollte und wie ich es ohne Anlaufbaren Hafen geschafft habe die Nacht zu verbringen – das erfahrt ihr nächste Woche.

[jetpack_subscription_form]

Sebastian

One Comment

  1. Ist viel spannender, zu lesen wie Du aufläufst, als Beschreibungen, wie schön Wind und Sonne sind. Und was gäb ich drum. jetzt aufzulaufen (aber bitte nur aufr Schiet, nicht Schärengranit), statt bei -10° zuhause zu sitzen. Wollte eigentlich in 3 Wochen von Kröslin los nach Norden. Aber ob das Eis bis dahin weg ist? Im Cuxhavener Hafen dürfte es ja auch grad vereist sein.
    Grüße, Thomas

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.