Ein langer Schlag

Mehrfach drehe ich mich nach dem Aufwachen einfach um und döse noch eine Runde. Schließlich, es ist gerade mal halb elf, stehe ich auf. Ich habe mich die vergangene halbe Stunde nur noch herumgewälzt, Schlafen war trotz des späten ins Bett gehen unmöglich. Ich bin ausgeschlafen, absolut fit. Und so deaktiviere ich kurzerhand den für später gestellten Wecker. Fit ist fit – mehr geht nicht. Und ich kann ja grundsätzlich auch früher los. Doch noch ist es wahrlich früh, jetzt über das Wattenhoch wäre etwas voreilig. Und so beginne ich den Tag gemütlich mit einem leckeren Brei. Doch als die Schale leer ist habe ich Heißhunger auf herzhaftes – und nasche ein wenig Käse aus den Niederlande. So lecker.

Nachdenklich blicke ich zum Himmel. Das Wetter ist traumhaft. Doch bei dem mir bevorstehenden langen Seetag hat die Sonne auch ihre Schattenseiten. Nun – methaporisch gesprochen. Denn tatsächlich ist Schatten auf einem Boot häufig Mangelware. Man kann sich ja nur eingeschränkt aussuchen wo man sich hinsetzt. Und so kann es durchaus vorkommen das man etliche Stunden in der knallenden Sonne sitzt. Bevor ich mir einen Sonnenbrand einhandle creme ich mich kurzerhand ein. Und das nicht nur an den offen liegenden Körperteilen. Je nach Empfinden kann man schon mal ohne T-Shirt und nur mir Rettungsweste segeln. Da mag ich nicht nachcremen müssen. Wobei – vielleicht sollte ich das sowieso machen.

Ein letztes Mal überprüfe ich den Wetterbericht. Dann lasse ich den Dieselmotor schnurren, berge den Anker und mache mich auf den Weg. Bei angenehmen drei bis vier Windstärken – leicht abnehmend, für später versprach der Wetterbericht zwei bis drei Beaufort – füllten sich die Segel und reichten alleine aus um gute Fahrt zu machen. Segeln im Watt, über ein Wattenhoch. Nicht Motorsegeln – einfach nur segeln. Ein würdiger Abschied von Ostfriesland.

Nachdenklich beobachte ich die Pricken und das Wasser um mich, schaue zu den Inseln Juist im Norden und Norderney im Nordwesten. Beide Inseln habe ich nicht besucht. Ebenso wenig wie Wangeroog oder Borkum. Somit habe ich mehr Inseln die noch auf mich warten den Inseln die ich hier bereits erkundet habe. Ganze drei Wochen wollte ich mal hier verbringen – so war ursprünglich mein Plan. Drei Wochen in Ostfriesland.. Viel Ankern. Trockenfallen.

Am Ende war ich gerade mal eine Woche hier in Ostfriesland. Gut, ich könnte wohl noch ein paar Tage hier verbringen. Noch eine Ostfriesische Insel erkunden. Vielleicht sogar zwei – Norderney und Wangeroog zum Beispiel. Doch beides wäre nur eingeschränkt möglich. Für Übermorgen ist Starkwind gemeldet. Ich könnte also heute Norderney einen Besuch abstatten um dann morgen einen Schlag außen herum nach Wangeroog zu machen. Und dann auf dieser Insel die Starkwindtage verbringen. Doch mein Plan sieht anders aus. Ostfriesland – ein schöner Flecken Erde. Und ich hoffe sehr wieder zu kommen. Doch nun zieht es mich zu einem anderen Ziel. Einem, das mich schon länger fasziniert. Natürlich hätte ich – wie auch zu den anderen Zielen meiner Reise – längst dorthin reisen können. Es ist eine Insel, es gibt regelmäßige Fährverbindungen. Sogar eine von Cuxhaven aus!

Doch seit ich an die Nordsee gezogen bin war für mich klar: Wenn ich da hin will – dann segle ich hin. Was soll ich mit einer Fähre? Wenn mir die Erfahrung fehlt – dann wird die eben erstmal gesammelt. Und wenn der Wind nicht passt – was solls. Segelt man eben ein anderes Mal zu diesem Ziel das Segler irgendwie anzuziehen scheint.

Damals hätte ich wohl schallend gelacht hätte mir jemand gesagt das ich, knapp ein halbes Jahr später, einen guten Grund haben würde nicht nur einmal sondern gar regelmäßig die Fähre zu besteigen.

Die Rede ist natürlich vom Helgoland, Deutschlands einziger Hochseeinsel. Ich fühlte mich bereit. 50 Seemeilen lagen zwischen meinem Startpunkt und dem Ziel. Ein langer Schlag, besonders Einhand und ohne Autopilot. Doch das würde schon klappen.

Erneut streifte mein Blick über das ostfriesische Wattenmeer. Ein so faszinierendes Revier. Und ein guter Ort um sich als Segler weiterzuentwickeln. Einerseits geschützt, andererseits doch fordernd. Eine geniale Kombination. Ich muss hier wirklich irgendwann wieder hin.

Schmunzelnd beobachte ich mich selbst. Ja, die Nordsee und das Wattenmeer sind gute Lehrer. Vor zwei Wochen war ich noch vor einem Wattenhoch unter Motor nervös. Jetzt schreibe ich Logbuch während ich unter Vollzeug hinüber segle. Und das sogar im Schmetterling.

Schließlich liegt mein letztes ostfriesisches Wattenhoch im Kielwasser und ich steuere das Dove Tief an. Ein ausgesprochen tiefes Seegatt. Wie schon bei Schiermonikoog komme ich hier unabhängig vom Wasserstand durch. Durchaus angenehm.

Etwas nervös beobachte ich eine Handvoll dunkler Wolken. Für mich ist das hier durchaus ein großer Schritt. Das nächste Seegatt wäre jenes zwischen Norderney und Baltrum. In meinen Augen eine Todesfalle. Auf der Seekarte und im Revierführer wird ausdrücklich davor gewarnt es zu passieren. Tonnen gibt es nicht. Zurecht, wie ich nach einem Blick von Land auf dieses Gatt finde.

Das – theoretisch – nächste für mich wäre zwischen Langeoog und Baltrum. Komme ich aber dort an, so ist bereits zu viel Wasser abgelaufen. Wir haben bald Hochwasser, die Tide wird demnächst kentern. Wenn ich draußen bin, dann bin ich also draußen. Ich habe dann grundsätzlich drei Möglichkeiten: Umdrehen und das Dove Tief wieder rein. Kein schöner Gedanke. Die Jade rein bis Hooksiel oder Wilhelmshaven. Ankunft im dunkeln. Oder eben nach Helgoland. Die Seegatten werden erst in der Nacht wieder genug Wasser führen um von mir sicher passiert werden zu können. Und bei Nacht durch ein Seegatt segeln? Den Teufel werde ich tun.

Ich hole tief Luft – und lache. Das wird schon. Der Wetterbericht ist gut, meine Berechnungen passen. Unwetterwarnungen gibt es keine. Ich habe mich mit Essen und trinken eingedeckt. Und zudem den ebook-Reader mit einem (hoffentlich) guten Buch bereit liegen. Wie wir im Norden Segeln von Holger Peterson. Meine Verlegerin, Susanne Guidera hat es mir geschenkt. Ich bin gespannt.

Um 13.00 Uhr bin ich im Seegatt – eigentlich wollte ich jetzt erst lossegeln. Doch es sollte noch eineinhalb Stunden dauern in denen ich abgesehen von Kurs halten, gelegentlich die Position überprüfen und Musik hören nicht viel machen muss bis ich das Dove Tief hinter mir habe.

Ich bin draußen auf der Nordsee. Es sollte noch elfeinhalb Stunden dauern bis ich wieder anlegen würde. Insgesamt würde ich über 14 Stunden auf See sein. Einhand. Ohne jegliche Selbststeueranlage. Was dieser Schlag wohl bringen würde? Und wo würde ich am Ende tatsächlich landen? Die Antwort gibt es in den nächsten Wochen hier auf dem Blog.

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Sebastian

2 Comments

  1. „schaue zu den Inseln Juist im Norden und Norderney im Nordwesten“
    … hmmh, das kommt mir seltsam vor.
    Viele Grüße,
    (der pingelige) Joachim.

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