Wie ich im Norden segel

Vor Norderney führt mich mein Kurs nach Osten. Dabei halte ich mich von Insel und Verkehrstrennungsgebiet gleichermaßen frei. Noch ist die Entscheidung wo der Schlag heute enden wird nicht endgültig gefallen. Ja, ich will nach Helgoland. Und ich glaube auch das ich da landen werde. Aber ich habe mittlerweile gelernt Alternativpläne in der Hinterhand zu haben.

Zugegeben: Die Frage wo ich segle ich überschaubar. Ich muss in jedem Fall nach Osten. Und das ich das nicht im Verkehrstrennungsgebiet mache ist für mich ganz klar. Also nicht zu weit nach Norden. Und im Süden liegen die Inseln und Seegatten, davor Untiefen. Einzig die Frage ob ich mich noch ehr in der Nähe der Inseln oder aber in Richtung der Verkehrstrennungsgebiete orientiere könnte sich stellen. Fürs erste beschließe ich einen Mittelweg zu gehen. Dies hat zudem den Vorteil das ich besonders viel Seeraum habe. Würde ich mich in der Nähe der Inseln oder des Verkehrstrennungsgebietes halten, ich müsste mich bedeutend mehr konzentrieren.

Hier draußen bin ich alleine. Hin und wieder sieht man ein Boot in der Ferne, doch nie auf Kollisionskurs und auch nie näher als etwa zwei Seemeilen. Zumeist bin ich ganz alleine.

Mit etwa 3,5 Knoten über Grund geht es bei ehr sanften drei Windstärken voran. In Anbetracht der nun vor der Insel gegen mich stehenden Tide ein guter Wert. Entspannt lausche ich der Musik während ich tief durchatme. Das Gefühl hier draußen zu sein, auf See, bei solch schönem Wetter. Es hat etwas befreiendes.

Doch schon bald ist der ebook-Reader in meiner Hand. Wie wir im Norden segeln – na da bin ich ja mal gespannt. Der Autor – Holger Peterson – hat mir sehr beim Bootskauf geholfen. Ganz abgesehen davon hat er sicherlich einen guten Anteil daran das ich heute auf einem Boot lebe – seine Begeisterung steckt an, besonders wenn man dafür empfänglich ist. Und zumindest sein erstes Buch, Mein Boot ist mein Zuhause, hat mir schonmal gut gefallen, viele Informationen geliefert. Also, wie wird das wohl sein?

Seite um Seite verschlinge ich das Werk. Obgleich das Buch zahlreiche Reviere hier im Norden behandelt, primär Deutschland aber auch die Niederlande und Dänemark, liegt doch ein klarer Fokus auf der Nordsee. Oder scheint es mir nur so das sonst mein Revier gerne ehr vernachlässigt wird, segeln doch scheinbar die meisten Segler hier lieber auf der Ostsee oder dem Ijsselmeer? Ich weiß es nicht.

Doch es ist spannend hierüber zu lesen, geschrieben von einem Revierkenne. Und das während man hier unterwegs ist, einige dieser Orte gerade für sich selbst entdeckt hat.

Immer wieder werfe ich einen Blick auf Kompass und Tablett. Weder mag ich zu nah ans Verkehrstrennungsgebiet noch in die Nähe der Inseln. Habe ich meinen Blick dann schon vom Buche abgewendet, so streift er auch noch über das Echolot das – nach der Zeit im Wattenmeer und auf den Kanälen in den Niederlande – irrwitzig hohe Zahlen anzeigt – und verweilt schließlich auf der See. Ach wie schön sie doch ist. Diese Weite, der offene Horizont. Eine sanfte Welle steht, die lieblichen Rundungen bilden den Körper der sonst ruhig daliegenden See. Zielgerichtet stößt Bea Orca wieder und wieder hinein, fährt sanft durch die offen vor ihr liegenden Wellen.

Hin- und hergerissen zwischen der Schönheit der vor mir liegenden See einerseits und der Faszination des Besuch, es hat mich längst begeistert, wandern meine Augen hin- und her.

Gespannt lese ich das Kapitel über Helgoland. Verrückt. Da bin ich gerade hin unterwegs. Normalerweise informiere ich mich kaum über meine Reiseziele. Vielleicht eine kurze Frage in einem Forum oder einer Facebookgruppe nach Tipps. Bewusst ganz allgemein und unverbindlich. Ich will beim Segeln keinen fixen Plan, keine ToDo-Liste. Mich nicht abhetzen, Zielen hinterher jagen wie die Katze einer Maus. Nein, ich möchte wie eine Kegelrobbe auch mal gemütlich da liegen, im Wasser toben oder einfach den Tag genießen.

Andererseits lässt sich nicht verleugnen: Hätte ich dieses Buch früher gelesen, ich hätte so manche Attraktion auf diesem Törn nicht ob meiner Unwissenheit geschuldet ungesehen hinter mir gelassen.

Auch die Idee von Holger, einen Törn unter ein Thema zu stellen, beispielsweise ein Historisches oder Literarisches, mag mir gefallen. Es ist sicher spannend und ermöglicht einen gänzlich anderen Blick auf die besuchten Orte.

Im Süden liegt mittlerweile das Seegatt zwischen Baltrum und Norderney. Die erste Insel ist damit achteraus. Doch der Wind hat sich gelegt, keine zwei Windstärken ist er mehr stark. Kaum gelingt es ihm die Segel richtig zu füllen, es ist fast schon ein wunder das wir nicht, mitgerissen von der Tide, rückwärts treiben. Doch auch so stehen wir still. Das Tablett zeigt keinen SOG, Speed over Ground mehr an. Wir sind also langsamer als ein Knoten.

Bei aller Geduld: Das ist nun wirklich zu wenig. Grummelnd sehe ich zum Horizont. Kommt vielleicht gleich eine gute Böe, eine kleine Front die uns noch ein wenig vorwärts zu treiben vermag? Es segelt sich so schön, die Ruhe ist einfach ein Segen. Durchbrochen wird sie natürlich auch so auf Bea Orca regelmäßig. Das Rauschen und Blubbern des Wassers am Rumpf, der Wind wie erst sanft die Segel liebkost. Und natürlich die Musik die mich beim Segeln zumeist begleitet – so auch jetzt. Und doch, etwas in mir mag, wie es so häufig ist, nur zutiefst ungerne den Dieselmotor starten. Dabei habe ich eigentlich meinen Frieden mit ihm geschlossen, bin froh ihn zu haben und kalkuliere gar seine Nutzung mitunter bei der Planung eines Schlages ein. Auch heute wusste ich dass das Risiko besteht. Zwar war für den Nachmittag etwas mehr Wind gemeldet als nun weht, trotzdem war mir klar das es dazu kommen könnte. So viel mehr war ja nicht gemeldet – es wäre nur gerade genug gewesen um noch vernünftig zu segeln.

Schließlich greife ich dann doch zum Starter, drücke den Knopf und lasse den Dieselmotor anspringen. Wir stehen still. Und dafür mich längere Zeit auf der Stelle treiben zu lassen fehlt mir nicht nur die Geduld – tatsächlich könnte ich diese wohlmöglich gar auftreiben. Doch meine Ziele sind noch fern, ganz gleich ob Helgoland oder in die Jade, vor mir liegt noch ein weites Stück weg. Tatsächlich wäre noch immer umkehren schneller. Ich habe erst eine von 5 ostfriesischen Inseln an denen ich heute vorbei muss passiert. Geht es in die Jade wäre es mit Minsener Oog sogar sechs Inseln. Und selbst wenn man bedenkt das Norderney zu den größeren gehört – den größten Teil des Weges habe ich noch vor mir.

Nun, Bea Orca läuft wieder weiter nach Osten, wende ich mich wieder dem Buch zu.

Wie wir im Norden segeln – und manchmal auch motoren.

 

Wie es weiter ging und wo ich am Ende des Tages (oder solle ich ehr sagen: Am nächsten Tag?) gelandet bin – davon erzählen die nächsten Beiträge.

Das Buch „Wie wir im Norden segeln“ ist beim gleichen Verlag erschienen wie mein Buch „Schnell kann Jeder“. Es war ein Geschenk meiner Verlegerin (Susanne Guidera) an mich.

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Sebastian

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