Dem Licht entgegen – Mein erstes Mal Helgoland

Die MS KRYSAL ist gerade vorbei als ich beginne die Fahrwasser der dicken Pötte zu queren. Viele sind zu sehen, bewegen sich zudem in verschiedene Richtungen. Weser und Elbe werden von den einlaufenden Schiffen angesteuert. Zugleich speien die Flussmündungen einen nicht enden wollenden Schwall von Pötten aus. Das Resultat: Überall sind große Schiffe zu sehen die mit für mich rassanten Geschwindigkeiten durch das Wasser rauschen. Um es noch etwas schwerer zu machen gibt es noch eine Reihe von Reeden. Aber liegt das Schiff da hinten jetzt auf Reede – oder ist es doch unterwegs?

Ich dachte mal das Segeln auf Außenelbe oder Außenweser würde was die Berufsschiffahrt betrifft anspruchsvoll sein. Pustekuchen. Das hier ist deutlich schwerer, gibt es doch mehr Schiffe und zugleich mehr Möglichkeiten wo sie hin wollen.

Doch es geht, ich habe gut freien Seeraum um den ersten Schifffahrtsweg zu queren. Wie es hier wohl demnächst mit der einbrechenden Nacht aussehen wird?

Es ist gerade zehn Uhr als die Musik aus geht. Die Box hat keinen Strom mehr, der Akku ist leer. Kurzerhand schnappe ich sie mir und schließe sie unter Deck ans Netz an. Im Augenblick muss ich mich sowieso konzentrieren und immer wieder Pötte peilen. Aber nachher wenn es gen Helgoland geht kann ich vielleicht wieder Musik hören.

Mit fünf Knoten über Grund eilen wir meinem Ziel, Helgoland, entgegen. Regelmäßig muss ich die Peilung schon Schiffen nehmen. Doch sind sie in größerer Entfernung und nicht für mich relevant.

Schmunzelnd wird mir klar das dies meine erste richtige Nachtfahrt für dieses Jahr wird. Bisher war ich höchstens in der Dämmerung unterwegs. Doch jetzt…

Man kann förmlich zusehen wie das Licht schwindet, die Nacht einbricht. Die Silber-Blaue See wird zunächst dunkelblau, dann schwarz.

Und doch, hatte ich mich bereits gesegnet gefühlt die Schönheit dieses Meeres bei Tage zu bewundern, jetzt, bei Nacht raubt sie mir förmlich den Atem. Gleich eines Weltwunders liegt sie da. Die See ist schwarz, viel sieht man nicht.

Das Funkeln der Positionslaternen in den Wellen. Überhaupt die Wellen kurz bevor sie unter Bea Orca hinweg laufen. Mehr von der näheren Umgebung sieht man nicht.

Dafür ist die Ferne unglaublich faszinierend. Wie eine jener bunter Lichterketten die man um die Weihnachtszeit sieht reihen die die Positionslichter der großen Schiffe aneinander, bilden fein säuberliche Reihen. Es entbehrt nicht einfach gewissen Ironie, doch jetzt, bei Nacht, ist es tatsächlich leichter die Schiffe zu sehen und ihren Kurs zu erkennen.

Der Wind dreht auf Süd, legt noch etwas zu. Mittlerweile pustet er mit fünf bis sechs Beaufort aus Süd. Raumschots und unter Vollzeug schießt Bea Orca durchs Wasser. Es ist eine reinste Freude ihr beim Segeln zuzusehen. Bei dem Tempo sind es keine vier Stunden mehr bis Helgoland.

Apropo Helgoland.

Die Positionsleuchten von Bea Orca und die Lichterketten bildenden Reihen von großen Pötten sind nicht der Hellste Stern im Meer der Lichter. Das ist ohne jeden Zweifels das Leuchtfeuer von Helgoland.

Noch mit Tageslicht hatte ich die Insel nicht wirklich erkennen können – zu weit weg lag sie. Doch mit Einbrechen der Nacht wurde es ein leichtes, das Helle Leuchtfeuer weißt zuverlässig den Weg. Immer wieder taucht es hell und weiß am Horizont auf und kündet vom felsigen Lande.

Um zwanzig nach elf beginne ich das zweite Fahrwasser zu queren. Es sind noch etwa zehn Seemeilen bis Helgoland. Wobei sich dies ausschließlich auf den Felsen bezieht. Mögliche Bögen für die Ansteuerung sind da nicht inklusive. Aber was solls. Hinter mir liegen jetzt schon vierzig Seemeilen und ich fühle mich fit. Die Welle läuft zwar quer, etwas das ich eigentlich nicht mag. Mit einer Höhe von etwa fünfzig Zentimetern stört sie aber nicht sonderlich.

Während wir uns so der Felsinsel nähern genieße ich mein Abendessen. Es gibt noch einmal Vla – Schokovla um genau zu sein. Einfach lecker. Zu schade das es den wirklich guten in Deutschland nicht gibt.

Andererseits, so gestehe ich mir selbst ein, ist das vermutlich zu einem guten Anteil einbildung. Vla und die Niederlande gehören für mich einfach zusammen. Der MUSS dort einfach besser schmecke. Das sind einfach Kindheitserinnerungen.

Schließlich, es ist kurz vor Mitternacht, quere ich auch das letzte Fahrwasser der großen Schiffe. Ganze vier Schiffe befinden sich in der Nähe. Doch ich habe Glück – alle vier Tanker sind bereits vorbei und ich kann ohne Verzögerung queren.

Für die letzte Stunde frischt der Wind noch einmal auf. Aus den sechser Böen sind sechs Windstärken geworden. Eine kräftige Briese will uns die letzten Meter bis zur Insel begleiten. Bald sind wir da. Nachdenklich kratze ich mich am Kopf.

Es ist das erste Mal das ich einen unbekannten Hafen bei Nacht anlaufe.

Überhaupt, so wird mir bewusst, dürfte es das erste Mal sein das ich einen Hafen bei Nacht anlaufe. Aber: Wird schon. Sorgen mache ich mir deshalb nicht. Helgoland ist Nothafen. Den soll man unter allen Bedingungen anlaufen können. Ich habe gerade traumhaften Segelwind und keine technischen Probleme. Die See ist zwar ausgesprochen konfus aber nicht übermäßig hoch. Das sollte also gut gehen.

Schließlich, es ist gerade ein Uhr, befinde ich mich in der Ansteuerung von Helgoland. Hier gibt es ein paar Untiefen. Nichts was trockenfallen würde. Aber was ist wenn es da Brecher gibt? Nein, es gibt ein Fahrwasser – das will und werde ich nutzen.

Allerdings werde ich nun doch etwas gespannt. So einen fremden Hafen, eine Fremde Insel bei Nacht anzusteuern ist schon etwas anderes. Kurzerhand rolle ich die Genua ein. Das geht bequem von hinten, zum Reffen oder Bergen des Großsegels müsste ich zum Mast. Also lieber so.

Mit nur einem Segel geht es deutlich gemütlicher. Trotzdem beschließe ich schließlich auch das Groß zu bergen. Bei einer ordentlichen und zudem konfusen Welle geht es aufs Vorschiff. Nun ist der Dieselmotor dran. Das ist mir hier beim ersten Mal lieber.

Die Bedingungen sind eigentlich ein Traum. Die Wolken haben sich verzogen. Während wir uns dem Hafen über das schmale Fahrwasser nähern begleitet uns ein klarer Himmel. Mond und Sterne erhellen die Nacht, ermöglichen eine etwas weitere Sicht in der näheren Umgebung. Und sehen obendrein noch Phänomenal aus.

Im Vorhafen fliegen die Fender über Bord. Durch eine zweite Einfahrt geht es dann in den Hafen wo ich am Steg tatsächlich noch einen freien Liegeplatz finde.

Kaum liegt Bea Orca fest, ist der Motor aus, überkommt mich die Müdigkeit.

Doch für einen kurzen Spaziergang an Land muss es noch reichen. Nur ein paar Schritte, eigentlich nur so weit bis ich tatsächlich an Land bin. Einfach um zu sagen: So, ich bin auf Helgoland.

Zurück an Bord schreibe ich das Logbuch fertig. Ich habe unterwegs immer wieder geschrieben, bis in den Vorhafen ist es aktuell.

Wir waren knapp 14 Stunden unterwegs und haben einundfünfzig Seemeilen zurückgelegt. Einhand. Der Pinnenpilot lag dabei ungenutzt in der Backskiste – Bea Orca ist auch so gelaufen.

Doch schließlich falle ich doch in die Koje. Solange ich unterwegs war war ich gefordert, verantwortlich. Doch nun bin ich im Hafen. Und will meine Batterien mit einem langen Schlaf wieder auftanken.

Noch wusste ich nicht das dies ganz so nicht passieren sollte. Denn der Liegeplatz auf dem ich lag war nicht grundlos frei. Hier ist anlegen verboten.

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Sebastian

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