Ich reise nicht nur…

Obgleich ich bereits um halb sechs aufgestanden bin sollte es bis neun Uhr dauern bis ich schließlich ablege. Schuld daran ist nicht etwa das ich mir noch ein Frühstücksbrötchen vom Inselbäcker holte. Und auch nicht die Witzellei der Hafenbeamtin auf meine Aussage „Cuxhaven, vielleicht auch nach Neuwerk“ als nächstes Ziel – die Neuwerk lag gerade in Hafen – entsprechend wäre es dorthin nicht sehr weit. Nein, der Grund liegt in einem Wantenspanner. Denn ein Steuerbordwant hing nur noch lose hinab. Und auch wenn heute nur etwa drei Windstärken gemeldet sind: So will ich nicht ablegen. Also hieß es warten. Bei Rickmers bekam ich glücklicherweise noch einen passenden Wantenspanner und konnte so schließlich ablegen.

Unter Motor verlassen wir den Hafen. Zunächst geht es noch einmal zur Tankstelle. Hier steht etzt, zwei Stunden vor Niedrigwasser noch etwa ein Meter und siebzig Zentimeter Wasser.

Der Tank und mein fünf Liter Reservekannister wird befüllt, dann lege ich ab. Schon bald, wir sind gerade Querab des Hafens den ich soeben verlassen habe, setze ich die Segel. Ein zwei bis drei Windstärken starker Westwind schiebt und gemächlich voran. Das reicht immerhin für drei Knoten. Wohin? Ganz klar ist das noch nicht. Die Ostemündung habe ich jedenfalls bereits abgehakt. Die durch den losen Wantenspanner entstandene Verzögerung meiner Abfahrt hat diesen, meinen ursprünglichen Plan bereits zunichte gemacht. Also bleibt wohl nur noch Cuxhaven – oder Neuwerk. Selbst Cuxhaven wäre bei diesem Wind nur noch mit einer strammen Dieselstrecke möglich. Ja, gar Neuwerk zu erreichen könnte den Einsatz meines Einbaumotors notwendig werden lassen. Aber: Da kann ich zumindest erstmal segeln und dann sehen wie es aussieht. Also ist mein Plan klar: Neuwerk.

Nicht das dies ein Problem wäre. Neuwerk ist schließlich eine schöne Insel.

Alternativ erwäge ich heute bis zum Ankerplatz vor Dorum zu segeln, schön hinein ins Watt durchs Robbenloch und dann morgen weiter nach Neuwerk. Doch schon bald entscheide ich mich dagegen. Die See um Helgoland ist recht kappelig, der notwendige Südkurs für dieses Ziel würde bedeuten das die gesamte Zeit kippelige Wellen von querab unter Bea Orca hindurch laufen. Nicht nur das dies ungemütlich wäre – es verhindert auch ein vernünftiges Segeln. Der Wind ist nicht stark genug um die Segel bei den Rollenden Bewegungen des Bootes auf diesem Kurs in Position zu halten. Also geht es statt nach Süd nach Südost – in Richtung der Außenelbe.

Die nächsten etwa viereinhalb Stunden segeln wir. Es ist ein entspanntes segeln. Und ich freue mich auf mein Ziel Neuwerk. Es wird, soviel steht bereits fest, der letzte Zwischenstopp dieses wundervollen Sommertörns werden. Hier legte ich das erste Mal auf diesem Törn an. Und hier werde ich auch das letzte Mal vor Cuxhaven anlegen. Samstag oder Sonntag, das hängt vom Wetterbericht ab, werde ich dort anlegen. Nachdenklich kratze ich mich am Kopf.

In der Nächsten Woche war ich noch recht regelmäßig unterwegs. Ein bis zwei Tage segeln, dann ein Tag Pause und wieder segeln. Doch Seit Lauwersoog? Ich habe durchgezogen bis Helgoland. Und bin dann dort geblieben – länger als ich hätte müssen. Ich wollte tatsächlich bleiben, ebenso wie es mir zuvor Freude bereitet hat vorwärts zu hasten, trotz allem Bedauern ob der verpassten, spannenden Ziele. Und jetzt? Jetzt halte ich auf Neuwerk zu und plane auch dort gleich ein paar Tage zu bleiben. Und das sogar gerne. Ich weiß nicht so recht was mir mehr Freude bereitet. Das Segeln – oder die Zeit an den Zielen. Ich weiß: Ich bin froh beides kombinieren zu können. Und das sich meine Art zu segeln sicherlich noch weiter ändern wird. Was vielleicht auch gar nicht so schlecht ist.

Um kurz vor zwei starte ich dann doch den Motor. Es ist nahezu kein Wind mehr da, wir dümpeln nur noch langsam vorwärts. Ohne Motor würde ich es nichtmals bis Neuwerk schaffen. Will ich nicht bis zum nächsten auflaufenden Wasser vor der Elbmündung herum treiben so muss dies einfach sein.

Selbst jetzt, wo ich mich ein wenig darüber ärgere schonwieder den Einbaumotor gestartet zu haben genieße ich es auf See zu sein. Wir haben etwa die hälfte des Weges bis zum Neuwerker Wattfahrwasser geschafft. Unter Motor, als es um fünfzehn Uhr etwas auffrischt auch unter Motor und Segel geht es weiter.

Erst nahe Stillwasser, Hochwasser ist bereits vorbei, erreiche ich das Seegatt. Doch ich weiß: Hier steht genug Wasser für mich, ich habe sogar eine großzügige Reserve. Der Weg hier her war recht ereignislos, ich habe die meiste Zeit Musik gehört. Jetzt freue ich mich auf Neuwerk. Die zuletzt noch stehende Genua wird geborgen und wir laufen ins Wattenmeer ein.

In der Ferne kann ich die Flipper im Fahrwasser erkennen. Ein beruhigendes Bild – wenn die noch unterwegs ist schaffe ich das auch noch.

Die Begegnung mit der Fähre läuft routiniert ab, den Weg durchs Watt entlang der Pricken folge ich schon fast unbewusst.

Statt ganz vorne lege ich nun ganz hinten am Steg an. Wenn ich mich nicht irre sollte es hier etwas ebener sein, weniger Schräglage beim Trockenfallen am Steg.

Vom Hafenbetreiber kann ich niemanden finden und so bleibe ich einfach liegen. Selbst wenn jemand kommt – mit meinem Tiefgang kann ich ablegen bevor das Versorgungsschiff anlegen kann. Statt ausgedehnter Inselspaziergänge begnüge ich mich mit einem Abendessen aus Milchreis und lese. Da merke ich wie sich Bea Orca schräg legt. Zehn Grad, zwanzig Grad, schließlich liegt sie mit über dreißig Grad Schräglage am Steg.

Soweit möglich sichere ich sie mit Leinen, dann gehe ich an Land. Für Bea Orca kann ich hier nichts machen und die Bewegung eines Abend- und Nachtspaziergangs um die Insel hilft mir mich zu entspannen.

Schließlich bereite ich mir ein Nachtlager auf dem Salonboden – an Schlaf im Vorschiff ist nicht zu denken – und schlafe ein. Erst um vier Uhr in der Früh kann ich Bea Orca ans andere Stegende verholen. Und endlich mir meinen verdienten, ruhigen Schlaf genehmigen. Ich bin auf Neuwerk angekommen. Hier würde ich zweieinhalb Tage bleiben bevor es schließlich die letzten Meilen noch Cuxhaven gehen würde. Und bereits jetzt freue ich mich darauf hier meinen Sommertörn ausklingen zu lassen. Neuwerk ist eine Oase der Ruhe – und somit der Perfekte Ort um noch einmal herunter zu fahren, den Augenblick zu genießen. Hier für zwei Tage mit Bea Orca zuhause zu sein, hier nicht nur Urlaub zu machen sondern hier zu lesen. Denn dies ist etwas das ich auf dieser Reise gelernt habe: Wohnt man auf seinem Boot und geht segeln, dann segelt man nicht nur. Man reist nicht nur. Nein, man zieht von Ort zu Ort um. Wo auch immer man seinen Anker in den Grund gräbt oder anlegt, dort ist man zuhause. Solange Bea Orca dabei ist bin ich zuhause – ganz gleich wie Fremd die Umgebung mir auch sein mag. Und das ist ein tolles Gefühl.

Während meines Urlaubes wohnte ich auf Neuwerk, Spiegeroog, Langeoog und Baltrum, wanderte in die Niederlande aus, wohnte in Harlingen und Lauwersoog, in Delfzijl und vor einer Brücke nahe Leuwaarden. Ja, ich wohnte sogar auf Deutschlands einziger Hochseeinsel Helgoland. Und jetzt wieder auch Neuwerk.

Sicherlich ist mein „wohnen“ nicht vergleichbar mit dem Wohnen jener Menschen die dort Monate und Jahre verbringen. Und doch – dadurch das ich auf Bea Orca wohne ist es doch auch ein komplett anderes Gefühl als ich es von meinen vergangenen Segeltörns kannte.

Denn ich reise nicht nur. Ich ziehe um.

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Sebastian

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