Ruhe vor dem Sturm

 

Nachdem Bea Orca am anderen Ende des Steges nahezu perfekt steht – jedenfalls scheint es mir nach der vergangenen Nacht so – schlafe ich tief und fest ein. Ich bin müde, regelrecht K.O..

Erst um elf Uhr bin ich wieder auf den Beinen und mache mich ans Frühstück um für den geplanten Spaziergang gewappnet zu sein.

Neuwerk kenne ich bereits, war schon öfters hier. Es ist eine wundervolle Insel. Auch wenn ich nicht erwarte großartig neues zu entdecken freue ich mich auf einen entspannenden Tag.

Auf dem Weg geht es zunächst vorbei an der Stackmeisterei. Ich will nachsehen ob zwischenzeitlich ein Mitarbeiter der Hamburger Port Authority zu finden ist. Ob wohl heute oder morgen ein Schiff am Behördenansteiger anlegen soll? Wenn ja müsste ich dann natürlich Bea Orca verholen. Doch es ist niemand zu entdecken. Und so gehe ich einfach ein paar Meter weiter über den grünen Deich, lasse mich nieder, packe ein Buch aus und lese.

Neuwerk hat etwas an sich das unglaublich entspannt und entschleunigt. Auf diesem kleinen Inselchen, nicht Mals 40 Menschen leben hier, ticken die Uhren einfach anders. Langsamer. Wie kaum ein anderer Ort vermag Neuwerk mich zu entschleunigen. Eine wundervolle Eigenschaft für einen Ort.

Schließlich, in der Ferne kann ich bereits erkennen wie sich Flipper der Insel nähert, mache ich noch einen kurzen Abstecher zum Inselkaufmann. Mein Zuckervorrat ist fast leer. Denn will ich noch zügig aufgefüllt wissen bevor die Touristen von der Fähre steigen – obgleich ich noch nicht weiß ob ich ihn heute benötige.

Zurück an Bord schaue ich angestrengt zum Horizont in Richtung der Außenelbe. Da hinten. Ist da nicht ein Schiff? Im Neuwerker Wattfahrwasser? Also ein richtiges Schiff, nicht nur ein Sportboot? Das Versorgungsschiff? Oder ist das noch auf der Außenelbe?

Ich bin mir nicht ganz sicher. Und doch, ich weiß: Hier wo ich liege, da sind Sportboote nur geduldet. Am Ende des Tages ist das hier kein Sportbootanleger. Nutzen wir Sportbootfahrer die Freundlichkeit der Port Authority aus und blockieren das Versorgungsschiff, dann ist irgendwann Schluss damit. Das würde für mich bedeuten das Neuwerk nur noch schwer anzulaufen ist. Denn dann darf man weder am Westanleger anlegen noch direkt davor, im Schutze des Wellenbrechers ankern. Die Einzige Option mit meinem Tiefgang wäre dann ein Ankern auf dem Wattenhoch.

Es mag nur etwas höher sein als der Anleger, ich schätze den Unterschied auf dreißig, maximal vierzig Zentimeter. Und doch: Vom Westanleger aus komme ich noch problemlos aus dem Neuwerker Wattfahrwasser gegen den Strom und dann mit dem Strom bis Cuxhaven. Spätestens bei Stillwasser bin ich da. Könnte ich erst entsprechend später los, ich bräuchte wahrhaftig zwei Tiden. Und könnte somit Neuwerk nicht mehr an einem Wochenende ansteuern.

Schnell ist der Motor gestartet. Sollte es doch nicht das Versorgungsschiff sein kann ich ja gleich wieder ablegen.

Kurz nach dem Ablegen schrabbt es. Die Kiele kratzen über den sandigen Grund. Ein kurzer Steuerimpuls sowie passendes Gas geben, dann ist Bea Orca wieder in tieferem Wasser. Flipper hat zwischenzeitlich angelegt.

Nach etwa zehn Minuten ist eindeutig klar: Falscher Alarm. Da ist kein Versorgungsschiff. Aber nun gut – so biete ich mit meinem Anlegemanöver eine Show für die gerade eingetroffenen Gäste der Insel. Immerhin: Trotz Zuschauer gelingt es mir Peinlichkeiten zu vermeiden. Eigentlich recht ungewöhnlich, klappen meine Manöver doch zumeist nur dann gut wenn niemand zuschaut.

Während des Hochwassers surfe ich ein wenig im Internet und lese. Es ist entspannt. Schön. Gemütlich. Motivation einen weiteren Spaziergang zu unternehmen verspüre ich keine. Stattdessen mache ich ein paar Fotos vom Cockpit aus. Noch ahne ich nicht das eines meiner liebsten Neuwerk-Motive schon bald nicht mehr existieren würde. Wenige Monate nach diesem Besuch sollte die Nordbake, eines der historischen Seezeichen auf und um die Insel Neuwerk zusammenbrechen. Ein Wiederaufbau ist nicht geplant (so mein aktueller Stand).

Im Laufe des Nachmittags frischt der Wind auf fünf Windstärken auf. In der Ferne hört man Donnergrollen, über Neuwerk beginnt es zu regnen. Kurzerhand verhole ich Bea Orca ein kleines Stück nach vorne. Dies hat den Vorteil das die Leiter, welche verhindert das Bea Orca unter den Steg gedrückt wird an der breitesten Stelle des Bootes ist. Dann sitze ich wieder im Salon und genieße die gemütliche Stimmung.

Eigentlich rechnete ich nicht mehr damit, und doch: Pünktlich zum Sonnenuntergang klarte es auf. Die Sonne kommt raus, bescherte mir einen Traumhafen Abschluss für einen ereignislosen Tag. Erneut wurden einige Fotos gemacht und Logbuch geführt. Entspannt schlummerte ich ein. In zwei Tagen würde ich wieder in Cuxhaven sein.

Noch ahnte ich nicht, dass zwischen diesem Abend und meiner Rückkehr nach Cuxhaven ein Erlebnis stehen sollte, das es schaffen würde Teil von „Sturm. – Segler über ihre dramatischsten Stunden“ zu werden. Und so schlummerte ich schließlich tief und fest ein.

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Sebastian

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