Hier bin ich zuhause

„Es ist kurz nach 8 als ich aufwache. Das war es also. Der letzte Tag meines Törns. Und doch: Ich blieb zunächst entspannt liegen“ – so beginnt der Logbucheintrag zum letzten Törntag. Und tatsächlich, nach den Erlebnissen des Vortages sollte dieser Tag ganz entspannt verlaufen.

Schließlich bin ich natürlich doch aufgestanden. Zum Frühstück gönne ich mir eine Portion Pancakes, ein wenig Schlemmen zum Abschluss.

Erst gegen 12 Uhr mache  ich mich auf den Weg zu einem letzten Spaziergang um und über die Insel. Es ist so wunderschön hier, doch ich weiß nicht wann ich wieder komme. Das ist wieder komme, dessen bin ich mir gewiss. Und es wird wohl auch nicht übermäßig lange auf sich warten lassen, ist Neuwerk, meine Perle, doch die Insel vor der Haustür – oder sollte ich sagen Bootstür?

Wie auch immer, Neuwerk ist für mich die an einem Wochenende am besten zu erreichende Insel. Theoretisch ginge auch Helgoland oder Wangeroog, ja, gar ein Wochenendtörn nach Amrum oder Spiekeroog wäre möglich. Doch, da muss man einfach ehrlich sein: Die Bedingungen um den Hin- und Rückweg an einem Wochenende machen zu können, und das ohne Krampf sind selten. Und wenn, dann bestehen sie meist aus einer blechernen Flaute die mich zu solch langen Schlägen, zumal am Wochenende, nicht zu locken vermag. Aber Neuwerk? Neuwerk ist gleich da um die Ecke, der nächste Hafen so ich die Elbe zu Tale verlasse. Gut sichtbar von Cuxhaven aus lockt sie, umso mehr so man ihre Verheißungen bereits erleben durfte.

Und doch: Auch für Neuwerk bedarf es des richtigen Wetterfensters. Den Einen Kampf, gerade am Wochenende, muss ich mit Bea Orca nicht ausfechten.

Nun, kurz bevor ich wieder im Heimathafen bin, werfe ich auch endlich meine Postkarten in den Brieffkasten. Die Karten kaufte ich bereits auf Helgoland, doch die Briefmarken sollte ich erst beim Inselkaufmann von Neuwerk erstehen.

Schließlich kehre ich noch im „Hus achtern Diek“ ein und verzehre eine Portion Apfelstreuselkuchen. Wie schon erwähnt: Heute wird geschlemmert.

Es ist seltsam. Der Törn, dieser wundervolle Sommertörn, er neigt sich dem Ende zu. Die Stunden bis wir wieder im Heimathafen liegen werden können bereits an den Fingern beider Hände abgezählt werden. Und nachdem ich mein letztes Mahl für diesen Besuch auf Neuwerk verspeist habe geht es schließlich auch zurück zu Bea Orca.

Ich vertreibe mir die Zeit mit Lesen. Das Wasser kommt nach und nach. Um noch sicher nach Cuxhaven zu kommen lege ich auf Neuwerk so früh wie möglich ab. Der Weg aus dem Wattfahrwasser dauert stets seine Zeit, das auflaufende Wasser, obgleich deutlich schwächer denn auf der Außenelbe, tut sein bestes mich auszubremsen. Dabei erweisen sich gerade die letzten Meter als am schwierigsten. Schnippeln ist aber keinesfalls eine Option, zu drohend wirken die Sandbänke auf der Seekarte.

Es ist halb vier als ich höre wie das Wasser gegen den Rumpf blätschert. Noch dauert es einen Moment bis wir los können. Die Zeit nutze ich um im ersten Logbuch zu blättern. Für den gestrigen Tag musste ich das zweite beginnen. Ein Logbuch. Vollgesschrieben. Ich schüttle den Kopf. Verrückt.

Das erste Logbuch beginnt am 24.06.2016 – nicht ganz vor einem Jahr. Und doch, ein anderes Leben. Damals hatte ich noch nie auf der Nordsee gesegelt, meine Erfahrung mit „Segelyachten“ oder gar Kleinkreuzern beschränkte sich auf ein paar Tage auf dem Ijsselmeer – Hand gegen Koje. Und jetzt? Jetzt habe ich mir den Traum meiner Törns mit BEA erfüllt, das was mit dem ersten Törn begann, mit dem Augenblick an dem ich mit meinem Schlauchsegelboot BEA in Harlingen angekommen, auf den Deich gestapft und die See gesehen habe abgeschlossen. Einen Blog und gar ein Buch schrieb ich über diesen Traum. Und jetzt? Jetzt habe ich ihn gelebt. So richtig.

Segeln auf See. Der Nordsee. Auch mal einen weitern Schlag. Fremde Inseln, Häfen und Ankerbuchten erkunden. Neues probieren. Etwas trauen, erleben. Und dahin zurückkehren wo für mich alles angefangen hat. An jenen Ort, der mein Leben für immer verändert hat.

Und zugleich hat sich auch im Alltag im vergangenen Jahr so viel verändert. Vor einem Jahr hatte ich kein eigenes Boot, mein einziges Boot war meine Kleine, BEA, ein 8 Fuß (2,4 Meter) langes Schlauchsegelboot. Und jetzt? Jetzt habe ich meinen Lebensmittelpunkt, wohne und bin zuhause – auf einem 22 Fuß (6,7) Meter Segelboot. Bea Orca, meiner Großen. Die mich auch durch diesen Törn getragen hat.

Schließlich, um kurz nach vier, legt Flipper an. Und ich ab. Das Ablegen ist nicht ganz einfach, die ersten Zentimeter müssen wir uns gar noch durch Schlick wühlen. Doch dann sind wir endlich unterwegs.

Mit gerade einmal 10 Zentimetern unter den Kielen beginnt der Schlag. Kopfschüttelnd blicke ich Flipper an als ich an der Fähre vorbei fahre. Noch immer piepst das Echolot. So rechnen muss man können. Oder war da doch eine Portion Glück mit dabei? Flipper kann kein Wasser mehr unter ihrem Rumpf gehabt haben.

Doch dann liegt sie achteraus und ich bin auf dem Weg. Zunächst noch unter Motor alleine, ich musss bald um eine Kurve mit Wind von vorne. Und bei dem Wasserstand ist kreuzen keine Option – zumal ich nicht so der Kreuzer bin. Doch dann ist es geschafft und bis zum Ende des Wattfahrwassers geht es unter Segeln vorwärts.

Auf der Außenelbe erwarten uns traumhafte Segelbedingungen. 3 – 4 Windstärken schieben Bea Orca gemütlich voran. Zwar könnte ich mit Motorunterstützung noch etwas herausholen, solange wir es aber auch ohne nach Cuxhaven schaffen will ich diesen Schlag genießen. Und tatsächlich sollte es recht ereignislos – oder sollte ich sagen: Schön – weiter gehen. Der Wind schiebt, die Welle kommt zumeist von hinten. Querab des Weser-Elbe-Wattfahrwassers wird es kurz kappelig, die Geschwindigkeit sinkt auf etwa 3 Knoten über Grund, doch schon bald sind wir wieder bei 4 bis 5 Knoten die uns sicher vorwärts bringen. Meine Gedanken wandern kurz zum Abendessen ohne ein verwertbares Ergebnis bevor sie zurück im Hier und Jetzt landen. Ich genieße einfach. Den Abend. Die See. Die Luft. Den Wind. Das Segeln. Einfach das Leben. Ist es nicht großartig zu leben?

Schließlich, um 19.50 bin ich im Vorhafen und rolle die Genua ein. Das Großsegel habe ich etwa fünfhundert Meter vor der Hafeneinfahrt erst geborgen. In zehn Minuten wird sich die Brücke öffnen. Ich bereite Bea Orca vor, hänge die Fender passenden, halte die notwendigen Leinen Bereit. Dann geht es durch die Brücke und an meinen Liegeplatz.

Ich bin wieder zuhause. Und doch: Ich war es während des gesamten Urlaubs. Meine Gedanken vom Mittag, wie es wohl sein würde, nach so einem Törn wieder im Heimathafen zu sein als Liveaboard: Passe. Denn ganz gleich ob auf See unter Segel oder Motor, in fremden Häfen, vor Anker oder im Heimathafen: Bea Orca ist mein Zuhause. Überall. Ich atme tief durch. Was die Zukunft bringen wird?

Ich weiß es nicht. Und eigentlich ist es doch auch egal. Denn hier und heute, das spüre ich, bin ich richtig. Dann knurrt mein Magen – Zeit fürs Abendessen.

Damit Endet mein erster Urlaubstörn als Liveaboard. Ein prägendes Erlebnis (wenngleich es davon vielerlei zu geben scheint). Wieder hat sich so manches verändert (ich lebe aber nach wie vor auf Bea Orca). Im Sommer wird es hier daher etwas ruhiger Werden. Ruhiger – aber nicht lautlos. Wer, wie, was, warum? Das Erfahrt ihr hier demnächst.

Viele Grüße,

Euer Sebastian

Sebastian

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