Auf Reisen und doch Zuhause

Am nächsten Morgen sieht die Welt schon wieder anders aus. Ich beginne den Tag mit einem Brei mit Apfel zum Frühstück während ich mir überlege was ich heute machen soll. Ich habe den ganzen Tag Zeit. Zeit für Baltrum. Aber was macht man einen ganzen Tag auf dieser, der kleinsten Ostfriesischen Insel?

Kurzerhand beschließe ich die Insel zu umrunden. Auf den meisten Inseln wäre dies ein sportlicher Plan, mindestens Tagesfüllend. Aber Baltum? Ich muss schmunzelnd an etwas denken das ich gelesen hatte. Baltrum. Bald rum. Nun. Ich mag kleine Inseln tendenziell lieber als große. Sie sind irgendwie gemütlicher. Mehr Insel. Und solange sie schön ist, ist doch auch eh alles gut.

Zunächst führt mich mein Weg ans Westende von Baltrum. Ich habe beschlossen die Strecke nach Osten den Strand entlang zu machen. So kommt der Wind von hinten, was gerade am Strand das geringere Übel sein dürfte. Zudem hoffe ich, im Inselinneren etwas weniger Gegenwind auf dem Rückweg zu haben.

Bevor ich losgegangen bin hatte ich noch kurz mit mir gehadert. Welches Objektiv sollte ich auf die Kamera machen? Ganz klar, ein Bloggerproblem. Ich muss natürlich unterwegs Bilder machen, ganz klar. Dies gehört mittlerweile für mich ganz selbstverständlich zum Segeln und Reisen dazu. Jederzeit halte ich Ausschau nach guten Motiven und Geschichten für den Blog, dies geschieht ganz Automatisch.

Das Problem: Am Strand kann ich das Objektiv nicht wechseln. Oder besser gesagt: Ich werde es nicht wechseln. Keinesfalls mag ich auf die optischen Elemente oder in die Mechanik Sand bekommen.

Doch dann ist die Entscheidung gefallen und es ging los.

Bereits am Westende von Baltrum blieb ich mit geweiteten Augen stehen. Vor mir liegt das Seegatt zwischen Baltrum und Norderney.

Seegatt? Man könnte es auch eine gemeine, absolut tödliche Falle nennen. Ein Teufelswerk, ein schiffefresssendes Monster. Der Stoff, aus dem die Alpträume eines Seglers gemacht sind.

Das Seegatt ist flach. Wirklich flach.  Und komplett unbetonnt. Wer dort hindruch will…

Nein, ich schüttle den Kopf. Selbst mit einem flachgehenden Boot und sehr guten Revierkentnissen. Hier hindurch? Für mich ist eine Situation in der dies eine vernünftige Option wäre einfach nicht vorstellbar. Für mich als Segler sieht es einfach gruselig aus.

Schließlich reiße ich mich los, setzte meinen Weg entlang des Sandstrandes von Baltrum fort.

Ein schöner Strand ist es. Weicher Sand, nicht zu schmal, lang…

Nur wenige Menschen sind hier unterwegs und die Strandkörbe stehen nur nahe des Inseldorfes. Ansonsten ist es ein wahres Idyll. Das wogende Meer im Norden, die lieblichen, vom Winde gezeichneten und nur leicht von grünen Halmen bewachsenen Dünen im Süden. Dazwischen ein Streifen heller, feinster Sand, ein paar Muscheln, etwas Strandgut. Und ich.

Ein Ort wie geschaffen zum entspannen und träumen.

Während ich zwar entspannt aber doch zügig den Strand entlang schreite fällt auch das letzte bisschen Enttäuschung darüber heute nicht weiter zu können ab.

Genau genommen könnte ich ja weiter. Das Problem ist nur mein Mangel an Bereitschaft zu dieseln in Kombination mit dem gewünschten Westkurs.

Ich bin so beschäftigt mit mir Selbst und der Schönheit die mich umgibt das mich der Plötzlich vor mir auftauchende Wasserturm von Langeoog komplett unerwartet trifft.

Natürlich ist er nicht direkt vor mir, das nicht. Zwischen uns ist noch ein ganzes Stückchen, direkt vor mir unter anderem ein Seegatt. Mal eben dahin ist also nicht. Muss ich auch nicht, war ich doch erst gestern auf Langeoog. Doch habe ich nun bereits das Ostende von Baltrum erreicht. Viel zu schnell für meinen Geschmack, es war gerade so schön am Strand.

War?

Ich schelte mich selbst. Es ist so schön am Strand. Und noch habe ich ja ein paar Meter vor mir die ich in Richtung Süd hinter mich bringen werde. Zudem muss ich ja sowieso erstmal herausfinden wo dann der Weg ins Inselinnere führt. Also kein Grund mich jetzt schon vom Sandstrand zu verabschieden.

Viel zu schnell erreiche ich eine Absperrung. Hier beginnt Zone 1. Das wars, weiter kann ich dem Strand nicht folgen. Doch auch dies ist okay. Zum Abschluss bietet er mir hier nochmal einen genialen Anblick in Richtung Wattenmeer über ein Naturparadies.

Knips.

Dann geht es durch die Dünen ins Inselinnere.

Natürlich, ich liebe die See. Besonders offenes Wasser vermag mich zu begeistern. Trotzdem, hätte ich mir das Inselinnere nicht angesehen, ich hätte wahrlich etwas verpasst.

Verglichen mit Langeoog erscheint mir die Natur auf Baltrum deutlich weniger gezähmt, ja geradezu wild. Eine wie wüst zusammengewürfelte Dünenlandschaft erstreckt sich nach Norden über die Insel. Bewachsen sind die von zahlreichen Gräsern und Büschen, auch knochig wirkende und doch grün gewachsene Bäume recken sich auf ihnen empor, behaupten sich gegen den Wind. Die Natur ist einfach beeindruckend.

Ein wenig überrasch entdecke ich einen Jagdsitz. Jäger auf Baltrum? Nationalpark, Naturschutz, kleine Insel… damit hätte ich nicht gerechnet. Oder dient sie vielleicht einem ganz anderen Zwecke?

Tatsächlich sollte mich dies so sehr beschäftigen das ich später mich zumindest oberflächlich schlau mache. Und tatsächlich scheint es, als wäre das Ökosystem auf den kleinen friesischen Inseln auf die Jagd angewiesen. Und tatsächlich braucht es nicht viel Fantasy sich vorzustellen was passieren würde, würden sich die Karnickel dort ungehemmt, nun… tun was Karnickel eben tun. Nun gut. Sicherlich nicht das worüber man als Tourist auf diesen Inseln als erstes nachdenkt. Aber damit kann ich meine Verwunderung endlich abhaken.

Anders als die Dünen im Norden der Insel ist der Süden absolut flach. Absolut? Nun, nicht ganz. Mit einigen Prielen die sich wie kleine Adern durch das saftig grüne Land ziehen und nicht selten Wasser enthalten gibt es durchaus Unebenheiten. Wenn auch erst auf den zweiten, dritten oder auch vierten Blick.

Lange Zeit habe ich mich so weit wie möglich gen Süden gehalten. Immerhin liegt der Yachthafen im Süden, genauer im Südwesten der Inseln. Für eine Inselumrundung macht dies somit Sinn.

Doch als mein Blick auf eine besonders hohe Düne fällt kann ich nicht anders, ich ändere den Kurs und folge dem Weg auf sie hinauf.

Die Aussicht ist klasse. Im Osten Langeoog, im Westen Norderney. Im Süden das Festland – und im Nord… Ja, im Norden, da liegt in all ihrer Pracht: Die offene Nordsee. Weites, blaues Wasser. Reinste, flüssige Freiheit. Ich kann es kaum erwarten sie wieder zu kosten.

Nein, warte. Auch jetzt koste ich sie. Die Zeit an Land auf Reisen unter Segeln ist nicht weniger wichtig als die auf See. Die Kombination macht den Reiz, den Zauber aus. Ich bin kein Nonstopsegler, Rekordjäger, Regattasegler. Ohne das Erkunden neuer Orte würde ganz klar etwas fehlen.

Schließlich setzte ich meinen Weg durch eine Graß- und Farnlandschaft fort. Immer wir ragen kleine, knorrige Bäume dazwischen hervor, doch am meisten fesseln mich all die Farne.

Es ist einfach schön hier. Ein Spaziergang um Baltrum: Für mich reinster Genuss. Einfach großartig. Toll. Geradezu fantastisch. Ich genieße es in vollen Zügen.

Schließlich erreiche ich das Inseldorf und es geht durch eine kleine Siedlung in Richtung Hafen.

Zurück an Bord von Bea Orca mache ich es mir gemütlich. Musik wird angemacht, ein gutes Buch heraus gepackt und gelesen. Entspannt liege ich im Vorschiff auf meiner Koje und lasse einfach die Zeit vergehen. Chille.

Zwischendurch packe ich das Smartphone aus, surfe im Internet. Foren, Facebook, Zeitung lesen, einen Blick ins CMS meines Blogs. Hier installiere ich mit wenigen Klicks ein Update. Eigentlich ein ganz normaler Nachmittag. Nun, nicht ganz. Normalerweise würde ich deutlich mehr Zeit in den Blog investieren. Was mache ich für ihn aktuell? Fotos, etwas ausführlicher Logbuch schreiben und ein wenig Social Media. Alles zusammen vielleicht eine Stunde am Tag arbeit. Fast nichts. Und in Teilen würde ich es wohl auch ohne Blog machen. Oder wäre ich dann etwa so jemand der fast keine Bilder macht und nur das absolute Minimum ins Logbuch einträgt? Unvorstellbar. Und doch, 100%ig sicher bin ich mir nicht. Doch es ist auch egal. Viel wichtiger erscheint mir eine andere Feststellung:

Ich könnte ebenso gut in Cuxhaven liegen. Oder Brunsbüttel. Vor Anker in der Ostemündung. Irgendwo auf der Ostsee – oder aber im Südpazifik. Es wäre (abgesehen vielleicht von den Temperaturen) gleich. Ich bin, das spüre ich mit aller Intensität, zuhause. Bea Orca und die See sind mein Zuhause. Ganz egal wo wir gerade sind. Es ist irgendwie seltsam. Natürlich sind wir unterwegs, sind am Reisen. Auf Törn. Und für die aller meisten Menschen dürfte dies wohl das exakte Gegenteil von „Zuhause sein“ sein. Wie kann man auch reisen und zugleich zuhause sein? Die eigene Heimat bereisen? Das geht natürlich. Aber Zuhause ist man doch auf reisen nicht?! Nun gut. Für so manchen ist der Weg von der Couch zum Badezimmer oder Kühlschrank eine Reise. War es auch mal für mich. Aber wirklich auf reisen und zugleich zuhause?

Das ist ungewöhnlich. Und doch: Es ist, das wird mir in diesem Augenblick klar, die vielleicht beste Art zu reisen. Denn man hat seine eigene Wohlfühlzone, sein Schneckenhaus, alles was man braucht mit dabei. Hat einen Ort an den man gehen, sich geborgen und sicher fühlen kann. Sich zurückziehen kann wenn nötig. Und zugleich ist man unterwegs, entdeckt neue Orte, erlebt neue Dinge, verlässt seine Komfortzone und erweitert den eigenen Horizont.

Mit dem eigenen Zuhause auf reisen – dies bedeutet das beste aus beiden Welten zu haben.

Schließlich, es ist schon fortgeschrittener Nachmittag, mache ich mich erneut auf den Weg. Dieses Mal ist mein Ziel allerdings das Inseldorf. Auch dieses möchte ich mir ansehen bevor es morgen hoffentlich weiter geht. Denn obgleich Baltrum wahrlich schön ist: Mich zieht es weiter, immer weiter nach Westen. Jedenfalls noch. Wenigstens bis Borkum mag ich es schaffen. Oder vielleicht doch in die Niederlande?

Baltrum ist ein schöner Ort. Er hat noch etwas dörfliches, obgleich er dem Charm von Spiekeroog nicht standhalten kann. Und doch, ich fühle mich wirklich wohl, habe nicht dieses seltsam städtische Gefühl. Es ist alles überschaubar und gemütlich, ein Ort in dem man gut flanieren und sich entspannen kann.

Nachdem ich mir einige Häuser angesehen habe werfe ich auch einen Blick in die Inselkapelle. Es war ein spontaner Einfall als ich davor stand – einer, der sich wie ich finde gelohnt hat. Die Einrichtung ist vergleichsweise ehr einfach und doch elegant. Der Innenraum in hellblau und weiß hat schon irgendwo etwas gemütliches. Ich bin kein sonderlich religiöser Mensch. Und doch, Orte wie dieser haben etwas. Vielleicht sollte ich mir unterwegs öfters Kirchen und Kapellen von innen ansehen? Ganz unabhängig von religiösen Überzeugungen: Sehr oft sind diese Bauwerke eng mit der Geschichte eines Ortes umwoben. Sie links liegen zu lassen erscheint mir plötzlich absolut falsch zu sein.

Bis in den frühen Abend schlendere ich durch das Dorf, sehe mich erfolglos in ein paar Geschäften nach einer Gastlandflagge für die Niederlande um und genieße ansonsten die einfache und doch schöne Architektur der kleinen Inselhäuser. Warum ich schonwieder nach einer Flagge ausschau halte? Nun, ich habe am Nachmittag die nächsten zwei Tage geplant. Und tatsächlich: Wenn alles klappt wie erhofft werde ich übermorgen in niederländische Hoheitsgewässer einlaufen. Und ich freue mich schon darauf zum ersten Mal eine Gastlandflagge zu setzen.

Straßennamen gibt es auf Baltrum nicht und die Häuser sind für außenstehende absolut wirr numeriert. Denn die Hausnummer richtet sich, so wie ich das verstehe, nach dem Datum der Errichtung. Dies hat natürlich den Vorteil das man anhand der Hausnummer das Alter schätzen kann. So ganz klappt dies aber dann doch nicht, dort wo ein Haus abgerissen und ein neues errichtet wurde blieb die Hausnummer gleich. Ein Nachteil dürfte wohl sein, das es so nicht ganz einfach als Ortsfremder ist sich zu orientieren. Doch scheint es überall schön zu sein so das es nicht weiter dramatisch ist sich zu verlaufen. Und in dem kleinen Ort hat man alsbald einen Anhaltspunkt gefunden – spätestens wenn man am Meer steht.

Ausgesprochen angenehm ist für mich das geringe Verkehrsaufkommen. Autos gibt es, mal abgesehen von den üblichen Rettungs- und Behördenfahrzeugen nicht. Stattdessen werden hier Pferdekutschen wo nötig eingesetzt.

Dies kenne ich allerdings auch schon von Spiekeroog und Langeoog. Anders als auf diesen Inseln sehe ich hier nicht nur weniger von den Elektrofahrzeugen, man sieht auch nur sehr wenige Fahrräder. Wer hier Rad fährt ist ein Einheimischer. Einen Fahrradverleih gibt es auf der Insel nicht und Besucher werden gebeten ihre Räder zuhause zu lassen.

Gut, in meinem Fall würde dies bedeuten auf Bea Orca – doch mein Rad steht ja in Cuxhaven. Und da steht es auch gut. Wenn man mal ehrlich ist: Baltrum ist nicht so groß als das man als Tourist ein Fahrrad bräuchte. Und so kann man den Effekt ruhiger Straßen ohne störenden Verkehr beim herumbummeln genießen.

Schließlich lasse ich den Abend ganz gemütlich an Bord von Bea Orca ausklingen. Ein schöner Tag liegt hinter mir.

Baltrum – man mag ja bald rum sein, doch das ist nicht dramatisch. Denn im Zweifelsfall kann man auf dieser Insel auch zwei mal rum. Sie wäre es mehr als wert.

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Sebastian

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