Auf dem Weg nach Neuwerk

Kaum streckt sich Bea Orca’s Bug aus der Hafeneinfahrt hinaus, da nehme ich schon eine gewichtige Veränderung war.

Wind!

Auf die Nase zwar, aber Wind. Und warte ich nicht lange die Segel zu setzten. Noch unter Motor falle ich leicht ab auf einen Amwindkurs, dann wird der Diesel abgeschaltet. Ruhe. Was für ein Genuss.

Gemächlich schiebt sich Bea Orca durchs Wasser. Ich habe gerade die Gimmershörner Bucht querab, als ich wieder auf den Knopf drücke und der Diesel starte. Ich will nach Neuwerk. Um dort hin zu kommen muss ich allerdings zunächst am Leitdamm vorbei, wofür ich ablaufendes Wasser brauche. Soweit, so gut. Dummerweise gibt es aber auch ein Seegatt über das ich drüber muss. Und da komme ich bei Niedrigwasser nicht rüber.

Wie der Törnführer auf die Idee kommt, man könne übers Neuwerker Wattfahrwasser von Cuxhaven nach Neuwerk kommen ist mir ein Rätsel. Bis der Strom in Cuxhaven kentert ist schon fast zu viel Wasser an der Barre zwischen Watt und Außenelbe abgelaufen. Nein, um nach Neuwerk zu kommen muss ich zunächst aufs Weser-Elbe-Wattfahrwasser. Zwar komme ich auch hier bei Niedrigwasser nicht rein, dann stehen hier nur noch etwa 70 Zentimeter Wasser. Doch mit meinen 0,8 Meter Tiefgang sollte es recht gut gehen – selbst wenn ich beim aktuellen Schwachwind nur langsam voran komme.

Und sollte ich doch zu spät dort ankommen, dann segle ich einfach vorbei und lasse mich von der Flut zurück tragen.

Motorsegeln bei Schwachwind auf der Außenelbe

Soweit, so gut. Doch ich mag ja am liebsten mit dem Ebbstrom zum Seegatt kommen und unter Segeln alleine schaffe ich dies leider nicht.

Während der Diesel uns brummend vorwärts schiebt klettere ich aufs Vorschiff, setzte den Motorkegel und lasse mich dann wieder im Cockpit nieder. Auf Backbord passieren wir gerade die Kugelbarke. Ein tolles Bild, von Land wie von See.

Während der Gezeitenstrom immer stärker wird arbeiten wir uns nach Norden vor. Auf Backbord sehe ich immer wieder die Markierungen des Leitwalls von denen ich mich großzügig fern halte. So viel Sinn dieses Bauwerk auch macht, schützt es doch die Elbmündung vor zu starker Versandung: Für mich ist es im Moment erst einmal doof, muss ich doch einen großen Umweg in Kauf nehmen.

Andererseits: Ich bin auf dem Wasser, die Sonne scheint, es geht mir gut. Und irgendwie macht es ja auch auf der Außenelbe Spaß. Immernoch bin ich überrascht von dem Revier. Stark befahren, kräftige Gezeitenströme und doch kann man sich hier wunderbar entspannen.

Etwa 3 Seemeilen nördlich der Kugelbarke schalte ich den Motor ab. Hier kann ich einen guten Kurs am Wind segeln ohne zu kreuzen. Zudem hat der Wind noch etwas zugenommen, so das ich ernsthaft Fahrt mache. Natürlich hilft dabei auch der mittlerweile kräftig setzende Ebbstrom.

Mit etwa 5° Krängung schiebt sich Bea Orca in Richtung Wattenmeer. Für mich gibt es nicht viel zu tun, andere Boote sind nicht in meiner Nähe, der Wind kommt Konstant aus einer Richtung, Böen sind kein Thema und ich muss einfach geradeaus. So nutze ich einmal mehr die Zeit und genieße die Sonne. So stellt man sich Sommersegeln vor. Blaues Meer, blauer Himmel, eine angenehme Briese…. perfekt.

Nach einigen Minuten ziehe ich kurz an der Pinne, passe die Segelstellung an und es geht bei halbem Wind weiter in Richtung Wattenmeer.

Schließlich habe ich den Leitdamm hinter mich gebracht, falle ab und gehe auf Raumschotskurs. Doof nur, das jetzt der Wind wieder schwächer ist. Klar, ich segle ihm ja auch davon. Und so bücke ich mich kurz, drücke den Knopf und starte den Diesel.

Auch im Wattenmeer läuft das Wasser ab, um gegen den Strom anzukommen brauche ich bei so wenig Wind leider meine Maschine.

Neuwerk querab

Nachdenklich sehe ich mich um. Das Gatt ist leider nur dürftig betonnt. Ich sehe eine Tonne recht weit draußen, doch die Tonnen ins Wattenmeer kann ich nicht erblicken.

Doch was ich sehe sind Brecher auf Steuerbordbug. Vermutlich eine Sandbank? Vorsichtig halte ich auf das ruhige Wasser auf Backbordburg zu.

Plötzlich, ich erreiche gerade den Bereich des ruhigen Wassers schießt der Grund nach oben. Schlagartig wird mir mein Fehler klar.

Natürlich. Die See wird da, wo sie von Tiefem auf flaches Wasser läuft vielleicht etwas rau. Da wo es richtig flach ist hingegen, da wird sie glatt. Ich lege hart Ruder und halte nun auf das Kappelwasser zu. Sofort wird das Wasser wieder tiefer. Mit klopfendem Herzen aber sonst ohne Zwischenfälle schaffe ich es über die Barre ist Wattenmeer. Selbst meine Echolot-Alarm schlägt nicht an, ich habe nie weniger als achtzig Zentimeter Wasser unter meinen Kielen. Puh.

Während wir vorwärts dieseln hängt das Großsegel nur nutzlos hinab. Ich fahre dem Wind davon, der Scheinbare ist zu schwach um noch einen Effekt zu haben. Und das, obwohl wir nur um die zwei Knoten über Grund machen!

Schließlich wird es mir zu doof, ich Löse das Großfall und berge das Segel. So muss ich wenigstens nicht mehr darauf achten nicht versehentlich eine Patenthalse zu fahren.

Schließlich erreichen wir das Elbe-Weser-Wattfahrwasser. Zu meiner rechten ragen nun Pricken aus dem Wasser die mir meinen Weg gut sichtbar aufzeigen. Endlich muss ich nicht mehr mit dem Fernglas die nächste Boje suchen. Jetzt kann ich mich einfach neben den Pricken her dieseln. Kurz überlege ich noch einmal zu segeln, doch sind es nur noch wenige Minuten bis zum geplanten Ankerplatz. Ich hätte kaum die Segel oben, da wäre ich schon da.

Nachdenklich blicke ich auf die Uhr. Ich wollte trocken fallen. Doch ist es dafür eigentlich schon zu spät, in etwa eineinhalb Stunden ist schon Niedrigwasser.

Soweit ich weiß gibt es zum geplanten Trockenfallen zwei möglichkeiten. Man kann den Anker werfen und warten, bis das Wasser weg ist. Oder…

Ein breites Grinsen schleicht sich auf mein Gesicht. Ich lege Ruder und fahre langsam nach Süden. Nun liegt eine Sandbank direkt vor meinem Bug. Je näher wir kommen, desto weniger Gas gebe ich. Mit etwa einem halben Knoten Fahrt schiebt sich Bea Orca ganz gemächlich auf die Sandbank. Perfekt.

Noch immer grinsend stoppe ich den Diesel und atme tief durch. Geschafft. Ich bin im Wattenmeer. Und, ich falle trocken. Nicht ganz, aber ein wenig.

 

Während das Wasser sinkt bereite ich mir ein kleines Abendessen vor. Doch dann kann ich nicht mehr anders, klettere von Bord und laufe durch das noch etwa Knietiefe Wasser. Was für ein Ort. Und was für ein Anblick, Bea Orca hier im Wasser stehen zu sehen!

Bea Orca halb trocken gefallen am Duhner Loch

Halb trocken gefallen: Eine gute Gelegenheiten ein paar Bilder vom Boot im Wasser zu machen 🙂

Doch mein Spaziergang dient nicht nur meiner Unterhaltung. Zwar möchte ich, sobald das Wasser wieder steigt noch verholen, doch um nicht von jeder Welle weiter auf die Sandbank geschoben zu werden bringe ich den Anker aus.

Der Anker ist gefallen…

Die kommenden Stunden verbringe ich lesend im Cockpit.

Zum Strand von Cuxhaven ist es nicht weit

Nur während des Sonnenuntergangs lege ich das Buch weg. Sonnenuntergänge.

Hach…

Ich genieße jeden einzelnen, seit meinem ersten Törn mit BEA. Doch nun hier zu sein, an Bord meines Bootes, im Wattenmeer, vor Anker, und einen zu genießen… das ist einfach noch einmal etwas anderes. Das ist… besonders.

Einen Sonnenuntergang im Cockpit des eigenen Bootes, vor Anker im Wattenmeer: Ein Traum wird Wirklichkeit.

Es ist noch nicht dunkel als ich den Anker berge, einige Meter weiter diesel und den Anker erneut ausbringe. Doch der Platz erscheint mir ungeeignet, ich spüre förmlich wie der Strom an der Ankerleine reißt. Und so berge ich den Anker, motore ein Stück weiter. Eigentlich wollte ich erst in der früh hier her verhohlen, immerhin bin ich jetzt auf einer Sandbank. Bei Niedrigwasser hatte ich gesehen, dass das Watt hier sehr gleichmäßig ist. Ich stelle mir noch einen Wecker, will sicherheitshalber beim Trockenfallen am nächsten Morgen wach sein.

Richtig dunkel wird es dank des Vollmondes nicht…

Dann verhole ich mich in die Koje, bald schon klappen meine Augen zu. Zwei unglaublich anstrengende Tage liegen hinter mir. Anstrengend. Ereignisreich. Und einfach verdammt schön.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 17.08.2016.

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Sebastian