Aufbruch

Fassungslos sitze ich mit Ölzeug und Rettungsweste im Cockpit. Ich hatte mich auf einen ungemütlichen Schlag vorbereitet. Bei 4 bis 5 Beaufort aus Nordwest die Außenelbe raus – selbst wenn es nur bis zum Weser-Elbe-Wattfahrwasser ist – das kann durchaus ungemütlich werden. Wenn es dann anfängt zu regnen oder schlicht kühler ist als erwartet… nein, dann erst ins Ölzeug zu schlüpfen ist mir zu spät. Aber eigentlich ist das ja jetzt auch egal. Wir sind gefangen, die Brücke öffnet sich nicht. Sitzen hier fest in Cuxhaven. Und das für unbestimmte Zeit.

Ich habe mir heute noch ein paar Kekse gekauft, gewissermaßen Nervennahrung für den geplanten Schlag. Nun wird aus Nervennahrung Frustfraß. Ich will los! Sicher, noch habe ich Zeit. Wäre ich pünktlich raus gekommen, ich hätte es noch über die Barre und ins Wattenmeer geschafft. Wenn ich innerhalb der nächsten Zwei Stunden raus komme schaffe ich es aber auch noch rechtzeitig bis zur Barre, muss dann aber erstmal ankern und auf das Wasser warten. Wenn es aber länger dauert…. Nein, das darf einfach nicht sein! Ich will los!

Um etwa 16.45 greife ich erneut zum Handy, rufe bei der Brücke an. Ob es mittlerweile etwas neues gäbe? Man hatte mir gesagt ich soll einfach immer wieder anrufen. Also mache ich das. Wann die Brücke wieder öffnet kann man mir nicht sagen. Immerhin: Ich erfahre den Grund für die geschlossene Brücke – und Schleuse. Es gäbe Verunreinigungen im Wasser. Und der Zoll sei vor Ort. Na klasse. Innerlich stelle ich mich allmählich darauf ein nachher wieder rüber in die Citymarina zu dieseln und eine weitere Nacht in Cuxhaven zu verbringen. Und mit etwas Glück morgen weiter zu kommen. Oder, schlimmer noch: Erst am Freitag – oder gar nächste Woche! Denn wer weiß, wie die Techniker oder wer auch immer sich nun um das ganze kümmern darf arbeiten… gerade mit Blick auf das anstehende lange Wochenende. Das darf einfach nicht sein!

Es ist fünf Uhr, die Kekse sind mittlerweile aufgegessen, als mein Handy klingelt. Ein Blick auf’s Display: Es ist die Brücke. Mein Herz beginnt zu rasen. Grundlos rufen die mich bestimmt nicht an. Was es wohl sein wird? Wird die Brücke in kürze geöffnet? Oder aber – ich wage kaum zu atmen – wird man mir sagen das es erstmal keine Brückenöffnung geben wird und ich es mir gemütlich machen soll?

Die Nerven zum zerreißen angespannt hebe ich ab. Lausche den Worten vom anderen Ende der Leitung.

Und atme erleichtert aus. In zwanzig Minuten wird die Brücke außerplanmäßig geöffnet. 17.20 Uhr. Ich komme raus. Und sollte es damit gar noch schaffen – sogar mit einem Puffer!

Zehn Minuten später spukt Wasser aus dem Auspuff, ich habe den Dieselmotor gestartet und löse die Leinen. Es sind zwar nur etwa hundert Meter bis zur Brücke – ich will aber lieber zu früh denn zu spät da sein. Denn wer weiß, wann sie die Brücke danach wieder öffnen. Ist dies jetzt vielleicht eine Sammelöffnung um einmal noch die wartenden raus zu lassen bevor sie für Stunden geschlossen bleibt? Oder nimmt sie wieder den regulären betrieb auf?

Egal. Wenn ich draußen bin, bin ich draußen. Und egal was ist – in dreieinhalb Wochen, so lange habe ich Urlaub, wird es längst erledigt sein.

Vor der Brücke drehen wir ein, zwei Runden. Bea Orca mit dem Rückwärtsgang auf Position zu halten gelingt mir bisher ehr schlecht als recht.

Dann, endlich.

Es ist so weit, die Brücke öffnet sich und lässt uns durch. Mehrere Boote haben bereits gewartet. Zügig geht es durch die Brücke und dann immer weiter, vorbei an Schleppern und anderen Schiffen die hier festgemacht haben raus auf die Außenelbe.

Ich verzichte aus mehreren Gründen daraus die Segel zu setzen. Zum einen ist da der Wind. Direkt auf die Nase. Ich müsste kreuzen, was hier, vor Cuxhaven fast schon zwangsweise im Fahrwasser der großen Pötte geschehen würde. Natürlich könnte ich auch das Fahrwasser kreuzen und auf der anderen Seite – außerhalb – nach Nordwest kreuzen. Müsste dann aber spätestens zum Weser-Elbe-Wattfahrwasser erneut das Fahrwasser kreuzen. Etwas das ich zu meiden versuche.

Zudem wird die Fahrt sicherlich spätestens hinter der Kugelbake ungemütlich. Notfalls kann ich kreuzen – kein Thema. Aber schneller durch komme ich hier ganz klar mit dem Diesel. Und da dieses erste Stück für mich eine Notwendigkeit und nicht wirklich Spaß bedeutet…

Der Hauptgrund an dieser Stelle ist aber ein ganz anderer: Mein erster Zwischenstopp ist noch in Cuxhaven!

Kaum bin ich an der alten Liebe vorbei heißt es schon wieder den Bug in Richtung Hafeneinfahrt zu legen. Ein langer Ton, eine Warnung falls jemand den Hafen verlassen will – dann geht es rein. Hier beim SVC gibt es eine Bootstankstelle mit Biofreiem Diesel. Keine Dieselpest weil Biofrei, kein Schleppen von Kanistern weil ich direkt mit dem Boot anlege. Was will man mehr? Besonders da die Preise hier sich nicht ernsthaft vom Biofreien Dieselkraftstoff von Autotankstellen unterscheidet.

 

Für den Törn habe ich nicht nur den 20 Liter Tank vom letzten Jahr und den fünf Liter Reservekanister. Ich habe mir zusätzlich noch einen zwanzig Liter Kanister gekauft – ich habe wenig Lust zwischendurch mit Kanistern zu einer Autotankstelle zu laufen. Und obwohl ich doch viel lieber segle denn zu motoren: Meine bisherige Erfahrung hat mir gezeigt das – gerade im Wattenmeer – der Diesel mehr läuft als man sich selbst eingestehen mag.

Mit insgesamt fünfundvierzig Litern Diesel an Bord geht es raus auf die Außenelbe. Der Motor schiebt, mit deutlicher Unterstützung des Ebbstromes Bea Orca nach draußen. Je weiter wir vorwärts kommen, desto höher und zugleich steiler werden die Wellen. Immer wieder schlägt Bea Orca mit ihrem Bug in ein Wellental, Gischt fliegt über sie hinweg. Mehrfach bekomme auch ich etwas ab, mein Gesicht ist nass. Fast schon im Minutentackt bekomme ich eine Salzwasserdusche ab. Und doch. Ich sitze entspannt im Cockpit, die Beine hochgelegt. Es ist… toll. Toll hier zu sein. Geradezu befreiend. Ich bin hier, bin auf See. Bin in meinem Element. Bin Zuhause. Die Wellen können mir nichts anhaben, das fliegende Wasser stört mich nicht im geringsten. Denn ich bin da wo ich hingehöre. Auf See.

Ich selbst bin überrascht wie entspannt ich bin. Kaum zu glauben. Letztes Jahr noch wäre ich angespannnt gewesen. Hätte mich mit der freien Hand irgendwo festgeklammert, verspannt. Vielleicht hätte auch mein Magen gemurrt, mir wäre etwas schlecht gewesen. Ein leichter Anflug von Seekrankheit. Doch davon bin ich heute weit entfernt.

 

Gelassen hebe ich die Hand zum Gruß als die Seenotretter mit einemm Segler im Schlepp an mir vorbei kommen. Es ist kein Jahr her, da hing ich hinten dran. Nun, gewissermaßen – bei mir hat das Beiboot geschleppt, hier ist es der Seenotkreuzer. Die Crew tut mir irgendwo leid. Selbst wenn es kein Seenotfall ist: Irgendetwas ist schief gegangen. Aber immerhin scheint es allen an Bord gut zu gehen. Also weiter.

Bea Orca eilst mit sechs bis sieben Knoten über Grund vorwärts. Schon bald richtet sich die Außenelbe wieder mehr Westwärts. Die Wellen verändern sich nur geringfügig, werden einen kleinen ticken höher. Der Ebbstrom lässt allmählich nach, in etwa einer Stunde haben wir Stillwasser. Und so ist natürlich auch der Effekt von Wind gegen Strom nicht mehr ganz so hoch. Dafür hat die See hier mehr Raum sich aufzubauen.

Und doch: Es stört mich nicht weiter. Es ist einfach so wundervoll hier zu sein – und zu wissen das ich die nächsten dreieinhalb Wochen hier sein werde. Mein Plan ist simple: Nach Ostfriesland segeln. Dreieinhalb Wochen ankern, trockenfallen. Watt genießen. Kurze Schläge (wenn ich erstmal da bin).  Also genau meine Art zu segeln. Langsam, gemächlich, kurze Strecken. Letztes Jahr war ich drei Wochen unterwegs und war doch immer in der Nähe von Cuxhaven. Eben genau meine Art von Segeln.

Schließlich biege ich ins Weser-Elbe-Wattfahrwasser ein und ankere zwischen dem Ende des Abschlussdeiches und der Barre. Unter den Kielen sind nur noch fünfzig Zentimeter Wasser – wenn ich hier jetzt weiter fahre ist die Gefahr nicht gering aufzulaufen.

Eine halbe Stunde warte ich, dann wird der Anker geborgen. Es geht nochmal raus in Richtung der Außenelbe. Hier irgendwo beginnt das betonnte Fahrwasser und ich mag nur ungerne auf gut Glück über das Gatt gehen. Nein, der Tonnenstrich erscheint mir bedeutend sicherer, auch wenn es wohl gefährlichere Seegatten gibt.

Auch jetzt, zwei Stunden nach Niedrigwasser sehe ich an einigen Stellen die Brecher wie sie laut brausend auf die Sandbänke schlagen. Schließlich bin ich im Fahrwasser und folge den Tonnen. Ich habe gerechnet, es sollte mehr als reichen. Sollte. Doch die Tiefen hier können sich durchaus zügig verändern. Kaum sinkt das Echolot auf 0,5 Metern – es zeigt mir stets an wie viel Wasser ich unter meinen Kielen habe – nehme ich etwas Fahrt heraus. Sollte ich irgendwo auflaufen, dann will ich das möglichst sanft tun.

Gemächlich schiebt sich Bea Orca vorwärts, ich  jederzeit bereit auch das letzte bisschen Gas raus zu nehmen um dann uns rückwärts von einem Flach zu ziehen.

0,4 Meter. Noch ist alles unkritisch. 0,4 Meter mögen ja auf der Außenelbe nichts sein. Im Watt und dann noch gerade mal zwei Stunden nach Niedrigwasser ist es eine ganze Menge.

0,3 Meter. Langsam werde ich nervös. Bei zwanzig Zentimeter, so beschließe ich, ist ende. Eigentlich sollte ich an der flachsten Stelle jetzt bereits mehr Wasser haben. Aber eine winzige Stelle die etwas flacher ist kann natürlich sein… doch… wenn es flacher wird war es das. Dann geht es wieder raus, nochmal ein wenig Ankern und dann erst rein.

0,4 Meter. 0,5 Meter. 0,6 Meter….

Bald schon habe ich wieder gut Wasser unter den Kielen. Ich hatte richtig gerechnet und war jetzt im Wattenmeer.

Und: Der Wind kam jetzt von hinten! Im Seegatt hatte ich mich nicht getraut die Segel zu setzen. Hätte ich irgendwo aufgesetzt, die Segel hätten mich gnadenlos weiter auf die Untiefe geschoben. Doch jetzt geht alles ganz schnell. Ein zug an den Vorschoten und die Genua rollt aus.

Wir segeln vor dem Wind, machen fünf, zeitweise sogar sechs Knoten über Grund. Ich sehe keinen Grund dafür noch das Groß zu setzen und mich mit einem Schmetterling abzumühen.

Viel zu schnell nähern wir uns den ersten Pricken. Es ist ein herrliches Gefühl hier unterwegs zu sein. Der Motor ist aus, wir segeln…. Was könnte man sich mehr wünschen?

Ich war um halb neun über das Seegatt rüber. Gerade mal eine dreiviertel Stunde Später erreichen wir das Duhner Loch. Ich starte noch einmal den Diesel, rolle die Genua ein und taste mich vor. Ich möchte morgen in aller Früh trocken fallen. Bea Orca hat die letzten vier Monate nahezu unbewegt im Wasser gelegen. Zwar habe ich zuvor Antifouling gestrichen, doch wer weiß was sich zwischenzeitig da unten eingenistet hat. Ein Blick auf Logge und Schraube kann nicht schaden. Und wenn dort Seepocken sind will ich diese entfernen.

Die Sandbank hier – ich kenne sie vom vergangenen Jahr – eignet sich recht gut dafür. Man fällt lang genug trocken, schwimmt aber zugleich rechtzeitig wieder auf um noch nach Neuwerk oder zu einem Ankerplatz vor Dorum zu kommen – meine möglichen Ziele für morgen. Wichtiger noch: Sie ist relativ eben, keine steile Prielkante die mir zur Gefahr werden könnte.

Der Anker fällt, hält sofort.

Bald schon ist es Zeit für den Sonnenuntergang. Er ist herrlich. Geradezu traumhaft. Und auch danach… einfach großartig. Mit einer dampfenden Tasse Tee sitze ich im Cockpit, schreibe Logbuch und genieße es. Dieses Gefühl. Ich bin Unterwegs. Ich bin zuhause.

 

Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 24.05.2017.

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Sebastian

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