Vom Luxus nichts zu tun

Ein wenig frustriert wandert mein Blick zwischen Gezeitenkalender und Wetterbericht hin- und her. Wenn ich wollte könnte ich heute Vormittag Brunsbüttel verlassen. Der Wind ist akzeptabel, der Flutstrom würde mich schieben. Wenn ich es drauf anlege vielleicht sogar bis Hamburg! Eigentlich gar nicht so schlecht. Eigentlich. Denn ich möchte genau in die entgegen gesetzte Richtung. Das Wattenmeer ist mein Ziel. Und je weiter ich mich davon entferne, desto länger wird es letztlich dauern dort hin zu kommen. Von hier aus könnte ich es mit einer Tide bei passendem Wetter schaffen. Doch je weiter Flussaufwärts wir uns bewegen, desto kleiner wird das Zeitfenster. Nein, wenn ich ins Wattenmeer will muss ich hier bleiben.

Statt auszulaufen verkrieche ich mich wieder im Schlafsack auf meiner Koje, entspanne und lese. Immer wieder prasseln Regentropfen aufs Deck, erinnern mich an das herbstliche Wetter – im August. Und doch, ich fühle mich wohl. Bea Orca ist von innen trocken und gemütlich, auf ihr kann man auch problemlos Schlechtwettertage verbringen. In Anbetracht des Wetters habe ich meine Überlegung, ein Fahrrad zu leihen und Touren zu unternehmen aufgegeben. Und als es am Nachmittag endlich aufklart ist es mir dafür zu spät. Aber hatte ich nicht am Vortag ein paar Jahrmarktstände in der Stadt gesehen? Eilig mache ich mich fertig und laufe in Richtung der Schleuse. Und tatsächlich, ein großes Volksfest mit Buden und Bahnen wartet auf mich. Nicht das ich ernsthaft Lust auf Karussellfahrten, Autoskooter oder Geisterbahn hätte. Doch hat so etwas Atmosphäre, und diese genieße ich aus vollen Zügen. Außerdem: Vielleicht gibt es hier ja irgendwo Magenbrot? Alleine bei dem Gedanken läuft mir das Wasser im Mund zusammen.

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Gemächlich bewege ich mich durch die Menschenmassen, bleibe immer wieder am Rande stehen um das Geschehen zu beobachten. Ganz am Ende der Straße wartet ein Riesenrad auf mich. Ob ich eine Runde mit fahren sollte? Die Aussicht von oben ist sicherlich fantastisch. Doch irgendwie ist mir im Moment nicht danach und ich wende mich lieber der nahen Schleuse zu. Auf zwei überdachten Aussichtspunkten stehen Menschen dicht an Dicht um den großen Tankern bei ihren Schleusenmanövern zuzusehen. Neugierig geselle ich mich dazu. Wie das wohl ist – so einen großen Pott durch die Schleuse zu bringen? Und ob die Arbeiter auf den Schleusen beim Arbeiten daran denken, dass jeder Handgriff von Schaulustigen beobachtet wird?

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Die großen Tanker so aus der Nähe zu sehen ist wahrlich beeindruckend und ich bleibe für einen kompletten Schleusengang vor Ort.

Auf dem Weg zurück zum Jahrmarkt bleibe ich immer wieder an den Infotafeln stehen und informiere mich über die Geschichte und Technik der Schleusen. Doch kaum bin ich zurück auf dem Volksfest fängt es an zu regnen. Kurz erwäge ich, mich irgendwo unterzustellen, doch bevor ich etwas gefunden habe hört es wieder auf.

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Die dunklen Wolken aber bleiben, bei dem Wetter habe ich keine Lust zu verweilen. Und so beeile ich mich zurück zum Hafen zu kommen. Kaum an Bord sehe ich eine Motoryacht mit einem älteren Pärchen an Bord das in den Hafen einläuft. Sie fahren ganz durch und ich eile schon auf dem Steg entlang in ihre Richtung als sie wieder zurück kommen um schließlich gleich vor Bea Orca fest zu machen. Neben mir ist noch ein weiterer Segler herbei geeilt und wir nehmen die Leinen entgegen. Der Aufbau des Bootes ist hoch, selbst ich würde nur ungern bei einem Anlegemanöver von Bord dieser Yacht auf den Steg springen. Und ich bin gut 50 Jahre jünger als die Besatzung dieser Motoryacht! Ein Tritt wird neben dem Boot aufgebaut und ich verschwinde zurück auf Bea Orca.

Ein letztes Mal für den Tag kontrolliere ich Bea Orca auf Salzwasser. Alles gut. Mittlerweile ist für mich klar, das kein Salzwasser von unten eindringt. Trotzdem tut es gut regelmäßig nachzusehen.

Schließlich krieche ich wieder in meinen Schlafsack, lese, entspanne mich. Während ich mir die Zähne putze denke ich über den Tag nach. Viel gemacht habe ich nicht. Klar, ich bin mal über den Jahrmarkt geschlendert und habe einen Blick auf die Schleuse geworfen. Doch die meiste Zeit habe ich eigentlich nur auf Bea Orca gelegen, den Komfort meiner Großen genossen. 2 Meter lange Kojen, (fast) Stehhöhe für mich mit meinen 1,85 Metern im Salon, Kochen an Bord, an Tagen wie heute ist das verdammt viel Wert. Unterwegs mit BEA hätte ich an einem Tag wie heute wohl mehr unternommen. Denn den ganzen Tag im Zelt sitzen? Nicht schön. Doch jetzt, mit Bea Orca, macht es einfach Spaß an Bord zu sein, selbst wenn man eigentlich nichts tut. Segeln ist eben doch mehr als die Fortbewegung mit dem Wind. Tage wie heute gehören ebenso dazu wie die Zeit auf dem Wasser, wenn das Boot sich sanft in der Welle wiegt und der Wind kräftig schiebt. Und ich würde keins von beidem missen wollen.

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Die Ereignisse in diesem Beitrag geschahen am 12.08.2016.

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Sebastian

2 Kommentare

  1. Ouuh, das klingt ja mega-entspannt. Brunsbüttel und schlechtes Wetter ist für den Normalsterblichen eigentlich wohl etwas zu viel der Tristesse 😉 Danke, fürs Verlinken. Und liebe Grüße, Stefanie.

    • Ach was. Danke für den Link damals – irgendwann mache ich die Radtour. Oder ich Diesel eben doch den Kanal… aber ansehen mag ich mir den schon mal.
      Eigentlich ist Brunsbüttel bei Schlechtwetter ganz einfach: Man braucht nur ein gemütliches Boot und ein gutes Buch. Wenn dann auch noch Jahrmarkt ist, ist das Wetter doch eigentlich nebensächlich…
      Viele Grüße,
      Sebastian

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